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OTS0212   17. Nov. 2011, 13:28

Symposium MIGRATION: Potenziale, Chancen und Möglichkeiten für eine verbesserte Gesundheitsversorgung von Migranten - BILD


MIGRATION - Epidemiologische und medizinische Aspekte vergrößern

BILD zu OTS - im Bild v.l.n.r. Chefarzt Prim. Dr. Georg Psota (Psychosozialer Dienst Wien), Univ. Prof. Dr. Bernhard Schwarz (Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien), Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt (ISTPM, Medizinische Universität Wien), Rudolf Hundstorfer (Bundesminister Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz), Priv. Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner (Sektionsleiterin Bundesministerium für Gesundheit), OA Dr. Milen Minkov (St. Anna Kinderspital), Mag. Sonja Wehsely (Stadträtin für Gesundheit und Soziales), Univ. Prof. Dr. Christiane Druml (Vizerektorin für klinische Angelegenheiten, Medizinische Universität Wien), Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres (Ärztekammer Wien) und Annette Scheiner (Moderation, Journalistin)

Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen haben
statistisch gesehen ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Durch den
erschwerten Zugang von Migranten zu medizinischer Versorgung birgt
Migration ein Gesundheitsrisiko. Die Gründe dafür sind zum Beispiel
oft fehlendes Wissen über die Notwendigkeit einer Behandlung, die zur
Verfügung stehenden Möglichkeiten und fehlende Sprachkenntnisse. Um
dieser Situation entgegenzuwirken und eine verbesserte
Gesundheitsversorgung von Migranten gewährleisten zu können, müssen
an vielen Ebenen Maßnahmen gesetzt werden. Möglichkeiten, Chancen und
Potenziale zur Verbesserung wurden beim gestrigen Symposium
"Migration - Epidemiologische und medizinische Aspekte" diskutiert.

Bereits bei der Eröffnung des Symposiums MIGRATION durch
Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für
Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin (ISTPM) der Medizinischen
Universität Wien und Rektor Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rektor
der Medizinischen Universität Wien, wurde die Wichtigkeit des Themas
Migration im österreichischen Gesundheitswesen hervorgehoben.
"Österreich ist als Einwanderungsland definitiv dazu aufgefordert,
Migrationsmedizin stärkere Beachtung zu schenken", so Rektor
Univ.-Prof. Dr. Schütz einleitend. Bei der im Rahmen des Symposiums
stattfindenden Podiumsdiskussion diskutierten Experten aus Politik
und Institutionen über die Herausforderungen durch Migration für das
Gesundheitswesen. Zudem wurden politische Ideen zur Verbesserung der
Situation aufgezeigt und Vorschläge zu deren Umsetzung gesammelt.
Wissenschaftliche Vorträge rundeten das Programm ab.

Podiumsdiskussion - Medizin und Politik im Dialog

Journalistin Annette Scheiner, die als Moderatorin der Diskussion
fungierte, stellte zu Beginn der Diskussion die Frage, welche Rolle
Migration im Gesundheitswesen spielt und welche
Verbesserungsvorschläge von Seiten der Politik und der Institutionen
existieren. Rudolf Hundstorfer Bundesminister für Arbeit, Soziales
und Konsumentenschutz deutete auf die Notwendigkeit von Migration
aufgrund der demografischen Entwicklung Österreichs hin. Die Zugänge
zu unserem Gesundheitswesen sind für Migranten zu öffnen und zu
erklären. Zudem seien entsprechende Sprachkenntnisse rasch zu
vermitteln. Mag. Sonja Wehsely, Stadträtin für Gesundheit und
Soziales, zeigte auf, dass jene Wiener Bezirke mit dem höchsten
Migrantenanteil auch jene mit den schlechtesten Gesundheitsstatus
sind. In allen Bereichen der Gesundheitsvorsorge sind Migranten zu
wenig repräsentiert. Daher ist in jenen Lebenswelten anzusetzen, in
welchen sich vermehrt Migranten bewegen. In Österreich existiert eine
deutliche Schieflage in Bezug auf kurative Medizin versus Prävention.
So sind laut Mag. Wehsely gerade Kinder aus sozial schwachen Familien
durch Projekte zu den Themen Ernährung und Bewegung besonders stark
zu fördern und frühzeitig auf ein besseres Gesundheitsverständnis zu
schulen.

Forderung: Aktive Teilnahme von Migranten an Gesundheitsprogrammen

Priv. Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin
Bundesministerium für Gesundheit, zeigte auf, dass die
Lebenserwartung von Migranten in Österreich zum Teil sogar höher ist,
als die der Österreicher. Das subjektive Wohl- und
Gesundheitsbefinden sei allerdings eindeutig schlechter als bei
Österreichern. Eines der größten Probleme ist die Erreichbarkeit von
Migranten - die aktive Teilnahme von Migranten an Programmen wird
dringend gefordert. Allerdings existieren vorbildliche Pilotprogramme
zu Präventionsmaßnahmen für Migranten und Österreicher wie zum
Beispiel Gesundheitsprogramme in Schulen. Eine angesprochene
Problematik im Bereich der Gesundheitsprogramme stellt die derzeitige
Durchführung der Schulimpfprogramme dar. Durch die derzeit nicht
definierte Beauftragung der Schulärzte und die damit verbundene
Haftungsfrage sehen sich die Experten mit sinkenden
Durchimpfungsraten konfrontiert. Univ.-Prof. Dr. Ursula
Wiedermann-Schmidt stellte die Impfversorgung von Migranten infrage
und gab ihre Bedenken an die Politik weiter. "Migranten - sowohl
Kinder als auch Erwachsene - haben, basierend auf den wenigen
epidemiologischen Daten, zu niedrige Durchimpfungsraten. Spezielle
Impfprogramme für Migranten sind in Zukunft als wichtiger Pfeiler in
der Präventionsmedizin besser zu implementieren", gab Univ.-Prof. Dr.
Wiedermann-Schmidt zu Bedenken. Aufgrund der sozialen Benachteiligung
von Migranten erscheine ihr die Unterstützung von finanziell
gestützten Impfprogrammen besonders für diese Gruppierung als eine
wichtige Forderung an die Politik. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres,
Vizepräsident der Ärztekammer Wien sprach über die Ideen der
Ärztekammer, die aktuelle Situation von Migranten im
Gesundheitssystem zu verbessern. Man sollte in Österreich noch mehr
gezielte Informationen für Migranten in unterschiedlichen Sprachen
zur Verfügung stellen. Schon in der Kindheit sollte angesetzt werden,
denn die übergewichtigen, rauchenden Jugendlichen seien die Kranken
von morgen. Laut Univ. Prof. Dr. Szekeres werden vorbildliche
Projekte von der Ärztekammer unterstützt und gefördert.

Hohe Prävalenz an psychischen Erkrankungen bei Migranten

Chefarzt Prim. Dr. Georg Psota vom Psychosozialen Dienst in Wien
erklärte, dass die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und damit
auch die fachärztliche psychiatrische Versorgung gerade bei Türkinnen
sehr hoch ist. Prim. Dr. Psota war sich sicher, dass
Betreuungspersonen oft mangelndes Interesse an Kulturunterschieden
aufweisen. Für eine erfolgreiche Behandlung, müssen sprachliche
Barrieren weitestgehend überwunden werden. Des Weiteren forderte
Univ. Prof. Dr. Bernhard Schwarz vom Zentrum für Public Health der
Medizinischen Universität Wien, die massiven Defizite in der
präventiven Medizin im österreichischen Gesundheitssystem - die
bisher weitgehend vernachlässigt wurden - zu identifizieren und hier
Verbesserungen herbeizuführen. Dr. Christiane Druml, Vizerektorin für
klinische Angelegenheiten der Medizinischen Universität Wien
appellierte an Vertretern des österreichischen Gesundheitssystems
folgende Aspekte rasch umzusetzen: die Bewusstsein über zur Verfügung
stehende Möglichkeiten der Versorgung zu schaffen, das Angebot von
mehrsprachigen Informationen zu verbessern, die Verminderung von
Zutrittsbarrieren, kulturellen Barrieren und Sprachbarrieren
sicherzustellen und die Förderung der Selbstbestimmung von Migranten
sowie die Aufnahme dieses Themenbereichs in die Curricula des
Medizinstudiums und die Pflegeausbildung zu gewährleisten.

Wissenschaftliche Vorträge: Mobilität, Migration und "Global Health"

Im Rahmen der wissenschaftlichen Vorträge referierten Mediziner
aus unterschiedlichen Disziplinen über die aktuelle Situation
diverser Erkrankungen in Österreich. Der erste Teil der Vorträge
befasste sich mit den Themen Mobilität, Migration und "Global
Health". "Migrationsmedizin kam ursprünglich aus der Reise- und
Tropenmedizin. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass
Migrationsmedizin in zahlreichen anderen Bereichen von Bedeutung
ist", so Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt. Es wurde
aufgezeigt, dass Österreich als Zuwanderungsland von Migration
wesentlich abhängt, da es durch seine demografische Entwicklung in
Zukunft nicht in der Lage sein wird, wirtschaftlich wettbewerbsfähig
zu bleiben. Zudem wurden die Probleme und Folgen von
Medikamentenresistenzen am Beispiel der Tuberkulose erläutert. Gerade
"Visiting friends and relatives" (VFRs) - Reisende ins frühere
Heimatland und Österreicher, die familiäre oder freundschaftliche
Beziehungen in anderen Ländern pflegen - sind durch ihre
Reisetätigkeit einem höheren Risiko für die Entstehung medizinischer
Probleme ausgesetzt. Dies sei vor allem auf Ernährung, Unterkunft und
Transportmittel in anderen Ländern zurückzuführen. Weiters
appellierten die Experten an die Bevölkerung, sich gegen Masern
impfen zu lassen, um Ausbrüche zu verhindern und zukünftig eine
Elimination gewährleisten zu können. Dies sei eines der
WHO-Gesundheitsziele für 2015.

Gesundheitsstatus von und -Programme für Migranten

Im zweiten Teil der Vorträge wurden ethische Aspekte von Migranten
und Gesundheitswesen aufgezeigt. Aus ethischer Sicht geht es
insbesondere um die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse
von Migranten. Auch das Arzt-Patienten-Gespräch müsse auf den
Patienten individuell und auf die jeweilige Kultur zugeschnitten
werden und umfasst bei Migranten mitunter Bereiche, die bei
Österreichern nicht berücksichtigt werden müssen. Des Weiteren wurden
Ziele und Prioritäten von Impfprogrammen bei Migranten präsentiert.
Auch der Einfluss von Migration auf die Diabeteseinstellung und
Betreuungsqualität sei bedeutsam. Schließlich wurde über die Gefahr
von Hämatologischen Krankheiten bei Kindern aus Migrantenfamilien
aufgeklärt und auf die Problematik der fehlenden Versorgung dieser
Patienten im Erwachsenenalter hingewiesen.

Gender- und soziokulturelle Aspekte in der Migrationsmedizin

Zum Thema Frauengesundheit wurde aufgezeigt, dass Migrantinnen in
den niedrigsten und höchsten Bildungsschichten überproportional
vertreten sind. Health literacy sei wichtig, um unterschiedliche
Behandlungsarten, Erkrankungen und Symptome zu verstehen und
Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu treffen. In den letzten
Jahren wurde das Thema Frauengesundheit unter der Leitung von
Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener
Frauengesundheitsbeauftragte und Mag. Hilde Wolf von FEM Süd, Kaiser
Franz Joseph Spital, forciert - zahlreiche Projekte wurden bereits
initiiert. Auch soziale und kulturelle Kompetenzen von "Diversity
Medicine" wurden besprochen. Im Laufe der Diskussion stellte sich
wiederholt heraus, dass ein Konnex zwischen Ausbildung und
Krankheitsrisiko besteht: Bei hohem Einkommen ist die Rate von
Lifestyle-Erkrankungen - speziell bei Frauen - teilweise nur halb so
hoch wie bei Menschen mit geringerem Einkommen. Des Weiteren wurden
Anforderungen an eine Ambulanz für Migrantinnen im Rahmen der
gynäkologischen Versorgung identifiziert - wie kulturelle Barrieren,
Sprachbarrieren, fehlender Zugang. Abschließend wurden die
Herausforderungen aber auch Chancen in der interdisziplinären Arbeit
mit traumatisierten Migranten thematisiert.

Zusammenfassend lassen sich einige Bereiche feststellen, die zur
Verbesserung gesundheitlichen Versorgung von Migranten beitragen, die
aus der Podiumsdiskussion hervorgingen: die Impfversorgung in der
Migrationsmedizin - Wie können die Betroffenen erreicht werden und
wie erhält ein Migrant kostenfreie Impfungen? - die Verbesserung der
Sprachenkenntnisse von Migranten, die Erreichbarkeit von und der
Zugang zu dieser Bevölkerungsgruppe, eine klare Verteilung von
Kompetenzen und schließlich die Entlastung der Spitäler, indem der
niedergelassene Bereich ein größeres Aufgabengebiet übernimmt.

Vortragende und Themengebiete:

- Migration und Infektionen | Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch,
Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der
Medizinischen Universität Wien

- Probleme und Folgen von Medikamentenresistenzen am Beispiel der
Tuberkulose | Univ. Prof. Dr. Stefan Winkler, Abteilung für
Infektionskrankheiten und Tropenmedizin von der Universitäts Klinik
für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien

- Visiting friends and relatives (VFRs); medizinische Konsequenzen
für das Gastland | DDr. Martin Haditsch, Labor Hannover MVZ;
TravelMedCenter Leonding

- Masernausbrüche durch Migration und Reisetätigkeit | Prof. Dr.
Heidemarie Holzmann, Department für Virologie der Medizinische
Universität Wien

- Migranten und Gesundheitswesen: Ethische Aspekte | Univ. Prof. Dr.
Christiane Druml, Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt

- Ziele und Prioritäten von Impfprogrammen bei Migranten | Univ.
Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Institut für Spezifische
Prophylaxe und Tropenmedizin, Medizinische Universität Wien

- Einfluss von Migration auf Diabeteseinstellung und
Betreuungsqualität | Ao. Univ. Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Klinische
Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ. Klinik für
Innere Med. III, Medizinische Universität Wien

- Hämatologische Krankheiten bei Kindern aus Migrantenfamilien | OA
Dr. Milen Minkov, Hämatologische Ambulanz am St. Anna Kinderspital

- Frauengesundheit: Grenzenlos? | ao. Univ. Prof. Dr. Beate
Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte und Mag. Hilde
Wolf, FEM Süd, Kaiser Franz Joseph Spital

- "Diversity Medicine": sozialöe und kulturelle Kompetenzen an der
MedUni Wien | Dr. Ruth Kutalek, Abteilung für Allgemein- und
Familienmedizin, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität
Wien

- Gender-assoziierte Erkrankungen | Univ. Prof. Dr. Alexandra
Kautzky-Willer, Univ. Klinik für Innere Med. III, Abteilung für
Endokrinologie & Stoffwechsel, Gender Medicine Unit, Medizinische
Universität Wien

- Anforderungen und Herausforderungen an eine Ambulanz für
Migrantinnen | Ass. Prof. OA Dr. Daniela Dörfler, Univ. Klinik für
Frauenheilkunde, Medizinische Universität Wien

- Die interdisziplinäre Arbeit mit traumatisierten MigrantInnen in
ESRA | Prim. Dr. David Vyssoki, Psychosoziales Zentrum ESRA in Wien

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