• 16.11.2011, 18:11:10
  • /
  • OTS0295 OTW0295

"Die Presse"-Leitartikel: Die Zeit für unangenehme Entscheidungen ist gekommen, von Jakob Zirm

Ausgabe vom 17.11.2011

Wien (OTS) - Ohne Vertrauen der Geldgeber bleibt der Eurozone nur
die Hyperinflation oder ihre Verkleinerung. Letzteres dürfte
schmerzhafter, langfristig aber erfolgreicher sein.

Es war der Tag, an dem die Krise "Kerneuropa" erreichte. Am Dienstag
fielen die Kurse europäischer Staatsanleihen drastisch - darunter
erstmals auch jene von AAA-Ländern wie den Niederlanden, Finnland
oder Österreich. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass die Probleme
in Europa wesentlich dramatischer sind, als es die Politik -
zumindest offiziell - wahrhaben will.
Fallende Anleihenkurse (= steigende Renditen) bedeuten nämlich nicht,
dass "die Finanzmärkte verrückt spielen", wie oft zu hören ist. Es
bedeutet, dass die Geldgeber weniger Vertrauen in die
Kreditwürdigkeit der Länder haben. Etwa, weil diese sich verschulden,
damit ihre Bürger weiter rund 25 Jahre lang "wohlverdiente" Pensionen
beziehen können. Daher wollen die Investoren höhere Zinsen, oder sie
sind gar nicht mehr bereit, gewissen Ländern Geld zu leihen.
Verständlich. Niemand würde einem Bekannten, der gerade dabei ist, in
Privatkonkurs zu schlittern, ein paar tausend Euro borgen, damit
dieser seinen Lebensstil halten kann.
Ohne Geldgeber, die den Euroländern frische Kredite geben, ist es für
die Schuldnerstaaten unmöglich, ihr ökonomisches, soziales und auch
politisches System aufrechtzuerhalten. Daher muss das Vertrauen der
gar nicht so ominösen Finanzmärkte zurückgewonnen werden.
Angekündigte Schuldenbremsen sind dabei eine feine Sache. Wirken
können sie aber nur, wenn auch echte Reformen folgen. Die zu
reformierenden Bereiche - Verwaltung, Föderalismus, Pensionen,
Gesundheitssystem, Subventionen - sind bekannt. Bislang war der Druck
aber zu gering, um die allesamt unpopulären Maßnahmen anzugehen.
In Österreich und anderen nördlichen Euroländern ist es noch nicht zu
spät, das Ruder herumzureißen. Wesentlich prekärer ist die Situation
in den Krisenländern des Südens. Diese bemühen sich nun zwar redlich,
grundlegende Reformen umzusetzen. Dass diese jedoch reichen, um das
Vertrauen bei den Geldgebern wieder zu gewinnen, ist alles andere als
gesichert. Gelingt es auch mittelfristig nicht, Investoren eine
Anlage in europäischen Staatsanleihen wieder schmackhaft zu machen,
wird die Eurozone vor einer Weggabelung stehen, deren Alternativen
nicht angenehm sind. Die wahrscheinlichste Variante, um aus dem
Schlamassel herauszukommen, ist, dass die Druckerpressen der EZB
angeworfen werden. Mit neuen Scheinen kann die Zentralbank die
Schulden der Krisenländer bequem abzahlen, indem sie Staatsanleihen
aufkauft.
Allerdings dürfte dadurch eine Hyperinflation entstehen, durch die
mittelfristig sämtliche Ersparnisse entwertet werden. Zudem bekämpft
das Drucken von Geld nur die Symptome, nicht die Ursache. So war etwa
Italien über Jahrzehnte gewohnt, seine Wirtschaft durch das Abwerten
der Lira wettbewerbsfähig zu halten. Seit dem Euro geht das nicht
mehr. Daher verlieren Italiens Firmen sukzessive an
Konkurrenzfähigkeit. Ob sich diese Wirtschaftskultur nun in wenigen
Monaten ändern lässt, ist fraglich.

Es könnte also sein, dass die bisher mit Denkverbot belegte
Verkleinerung der Eurozone die bessere Variante ist. Natürlich gäbe
es auch hier große Probleme - allen voran jenes, die Krisenländer
davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, den Euro zu
verlassen. Zudem müsste eine Lösung für die Euroschulden der Länder
gefunden werden, da diese aufgrund der Abwertung ihrer neuen
Währungen sonst sofort bankrott wären.
Einige Juristen meinen, dass es möglich sei, diese zum ursprünglichen
Wechselkurs in Drachmen oder Lira zurückzuwechseln und die neue
Währung erst danach abzuwerten. Wenn das nicht geht, müsste es einen
deutlichen Schuldenschnitt geben. Die Kosten dafür hätten in jedem
Fall die restlichen Euroländer zu tragen, indem sie ihre Banken
retten. Nach einem Euro-Austritt hätten die Krisenländer jedoch
wieder die Freiheit, ihre Währungen an die eigene wirtschaftliche
Kraft anzupassen.
Noch lebt die Hoffnung, dass es so weit nicht kommen muss. Denn ein
Austritt einzelner Euroländer käme einer Zerreißprobe für die
Europäische Union und ihr Finanzsystem gleich. Langfristig könnte
dies aber die einzige Möglichkeit sein, das Projekt Euro noch zu
retten.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel