Multiple Sklerose: Größte Angst der Patienten besteht vor Verlust der Mobilität
Wien (OTS) - Multiple Sklerose (MS) ist in Mitteleuropa eine der
häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankungen des zentralen
Nervensystems bei jungen Erwachsenen. Erste Symptome treten meist
zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. In Österreich sind rund
12.500 Menschen (1) an MS erkrankt.
Von 19. bis 22. Oktober 2011 fand in Amsterdam der fünfte
Europäische und Amerikanische Kongress für Multiple Sklerose
(ECTRIMS/ACTRIMS) statt. In einem am Rande des Kongresses
stattfindenden Journalistenworkshop fasste Univ.-Prof. Dr. Thomas
Berger, Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck, die
wichtigsten Fakten zusammen.
- Ein früher Therapiebeginn kann den weiteren Krankheitsverlauf deutlich verlangsamen oder gar verhindern
- Mobilitätseinschränkungen beeinträchtigen am meisten das Leben von Patienten
- Wechselwirkung Depression und Multiple Sklerose
- Stiefkind Symptombehandlung: Mobilität im Fokus
- "Immunität ist weiblich" - deutlich mehr Frauen von MS betroffen
- Im Vergleich zu Diabetes sind von MS weniger Menschen betroffen, dafür aber hauptsächlich junge Menschen, die Mitten im Familien- und Erwerbsleben stehen - Fehlzeiten und Berufsunfähigkeit können die Folge sein
Neue Therapien können den Krankheitsverlauf entsprechend verlangsamen
Welche Symptome wann auftreten, zu welchen Beeinträchtigungen es
kommt und wie ausgeprägt diese sind, ist von Patient zu Patient
unterschiedlich. Es werden verschiedene Verlaufsformen unterschieden.
Bei der schubförmig wiederkehrenden MS - auch "relapsing remitting
MS" oder kurz RRMS genannt - verläuft die Erkrankung in klar
voneinander abgrenzbaren Schüben. Bei der primär progredienten MS
kommt es von Anfang an zu einer schleichenden Zunahme der Symptome.
Auch hier kann die Erkrankung zwischenzeitlich stillstehen, den
deutlichen Wechsel von Schüben und Remissionen gibt es bei dieser
Verlaufsform aber nicht. Die sekundär progrediente Multiple Sklerose
geht aus der RRMS hervor. Die Häufigkeit der Schübe nimmt ab und wird
durch eine kontinuierliche Zunahme der Symptome und
krankheitsbedingten Ausfallserscheinungen abgelöst. Phasen, in denen
die Krankheit stillsteht, können zwar vorkommen, doch die Beschwerden
bilden sich dann kaum noch zurück. "Rund 90 Prozent aller Patienten
haben einen schubförmigen Verlauf, nur rund 10 Prozent leiden an
einem primär progredienten Verlauf. Bei etwa 40 bis 50 Prozent der
Patienten mit schubförmiger MS geht die Erkrankung ohne Behandlung
nach zehn bis 15 Jahren in die sekundär progrediente Verlaufsform
über. Patienten ohne schubförmigen Verlauf haben bis heute noch keine
adäquate Therapie. Aber auch für Patienten, die an einem sekundär
progredienten Verlauf (SPMS) ohne aufgepfropften Schüben leiden, gibt
es bis heute keine wirksame kausale Therapie", so Univ. Prof. Dr.
Berger. Bei der schubförmigen MS sollen durch Langzeit- oder
Basistherapien weiteren Schüben vorgebeugt und das Fortschreiten der
MS verlangsamt werden. "Mit der Basistherapie soll möglichst
frühzeitig nach der Diagnosestellung begonnen werden. Einen Großteil
der Patienten, die an einer schubförmigen MS leiden, können mit einem
rechtzeitigen Therapiebeginn die möglichen Auswirkungen der Krankheit
- wie ein Leben im Rollstuhl - erspart bzw. hinausgezögert werden.
Das therapeutische Fenster liegt hier zwischen EDSS null und vier
(2)", betont Prof. Berger.
Stiefkind Symptombehandlung: Mobilität im Fokus
Für 70 Prozent von bereits gehbeeinträchtigten MS-Erkrankten ist
die Gehbeeinträchtigung der herausfordernste Aspekt der Krankheit(3).
"Die Behandlung von Symptomen wurde in der Vergangenheit oft bei
Seite geschoben. Ab EDSS 4 bekommen Patienten Gehprobleme; es wird
nicht mehr besser, der 'point of no return' ist erreicht", hebt Prof.
Berger hervor. Darunter leidet auch die Lebensqualität.
"Beeinträchtigungen beim Gehen haben jedoch nicht nur physische
Konsequenzen sondern stellen auch ein psychisches Problem dar. Wenn
Patienten zum Beispiel in der Nacht aufgrund von Gangunsicherheiten
Angst haben müssen auf die Toilette zu gehen, wirkt sich das sehr
negativ auf das Selbstwertgefühl der Patienten aus", betont der
Experte. So weist dieser in Bezug auf Gangunsicherheiten auch auf den
Zusammenhang mit Depressionen hin: "Die größte Angst der Patienten
bei Diagnosestellung ist jene, gehbehindert zu werden. Patienten
erreichen bei Diagnosestellung und dem Verlust der Gehfähigkeit den
Gipfel der Depression." So wie ein rechtzeitiger Therapiebeginn der
Basistherapie erforderlich ist, sei es laut Meinung des Experten
wichtig, ebenso bei einer symptomatischen Behandlung darauf zu
achten: "Man sollte bei Patienten schon früh darauf schauen, ob diese
von Mobilitätseinschränkungen wie zum Beispiel Gangunsicherheiten
betroffen sind, um frühzeitig einzuschreiten und somit die soziale
Partizipation möglichst lange zu erhalten", erklärt der Experte.
Neuer Wirkstoff gibt Hoffnung zu mehr Mobilität
Ein weiteres Problem, das der Experte im Workshop angesprochen
hat, ist der Umstand, dass Patienten nicht nur Einzelsymptome wie
Spastik, Ataxie oder Parese aufweisen, sondern mehrere gleichzeitig
haben. "Umso wichtiger ist es ein Medikament zu haben, das bei all
diesen Symptomen wirkt. Medikamente, die ein besonderes Symptom
behandeln, sind zwar gut, dennoch sollte nicht vergessen werden, dass
'Gehen' nicht eindimensional ist. Gehen ist ein höchstindividuelles
Problem", so Prof. Berger. Daher setzt hier auch die Therapie an.
"Der neue Wirkstoff eines seit Juli 2011 in der EU zugelassenen
Medikaments verbessert die Leitfähigkeit der betroffenen Nervenbahnen
am Patienten. Auch Schlaganfallpatienten haben ein Gangproblem, aber
bei MS-Patienten ist die Gehbeeinträchtigung eben durch eine
entzündliche Autoimmunreaktion hervorgerufen, die die Myelinschicht
der Nervenzellen zerstört. Der Wirkstoff blockiert hier die
aggregierten Kaliumkanäle, und verbessert so die
Erregungsübertragung", erläutert Prof. Berger.
"Immunität ist weiblich" - deutlich mehr Frauen betroffen
"Unabhängig von der Diagnostik hat die Häufigkeit von MS seit den
50er Jahren deutlich zugenommen", betont der Experte. "Das Verhältnis
Frauen zu Männer hat sich sehr stark verändert und liegt heute bei
3:1", fährt Prof. Berger fort. Den Anstieg von Autoimmunerkrankungen
führt Prof. Berger vor allem auf den veränderten Lebensstil zurück
und auch auf den Unterschied zwischen dem weiblichen und männlichen
Immunsystem. "Männer haben weniger Potenzial zu 'überschießenden
Reaktionen des Immunsystems'", so Prof. Berger. Die lang
vorherrschende Meinung, dass hormonelle Kontrazeption schuld am
massiven Anstieg von Autoimmunerkrankungen bei Frauen sei, räumte der
Mediziner aus. "Hormonelle Kontrazeption wirkt sich nicht negativ aus
und dass das weibliche Immunsystem anders wirken muss sieht man auch
daran, dass es äußerst selten in der Schwangerschaft zum Ausbruch von
MS oder zu Schüben kommt", betont Prof. Berger.
Fehlzeiten, Berufsunfähigkeit und Invalidität als Folge
Eine beim ECTRIMS präsentierte Online-Studie (4), die im Juni 2011
unter 1.246 Betroffenen durchgeführt wurde, zeigt, dass rund zwei
Drittel (65 Prozent) aller Befragten mindestens zweimal pro Woche
Probleme beim Gehen bzw. Bewegungseinschränkungen oder
Gleichgewichtsstörungen aufweisen. Da MS meist zwischen dem 20. und
40. Lebensjahr beginnt, trifft das zumeist berufstätige Frauen und
Männer. Fehlzeiten sowie Berufsunfähigkeit sind die Folge. "Im
Vergleich zu Diabetes sind von MS zwar weniger Menschen betroffen.
Jedoch handelt es sich hauptsächlich um junge Erwachsene, die gerade
eine Familie gegründet haben und mitten im Erwerbsleben stehen.
Leider sind behindertengerechte Arbeitsplätze nach wie vor
Mangelware. Viele Arbeitgeber zahlen lieber Strafe als darin zu
investieren", so Prof. Berger.
Zusammenfassend ergänzte Prof. Berger: "Multiple Sklerose ist eine
höchst individuelle Krankheit. Aufgrund der fortschreitenden
Forschung und der daraus entstandenen Therapiemöglichkeiten ist es
heute möglich, jedem Patienten eine für ihn passende Therapie
zuzuführen, um den Krankheitsverlauf möglichst lange zu verzögern und
diesem somit ein möglichst 'normales' Leben mit einer hohen
Lebensqualität zu ermöglichen."
(1) Quelle: Studie "Prävalenz der Multiple Sklerose 2010", ÖMSG
(2) Die Expanded Disability Status Scale (EDSS) ist eine von J.F.
Kurtzke entwickelte Leistungsskala, die Auskunft über den Schweregrad
der Behinderung bei Multiple Sklerose-Patienten gibt. Die Skala
beginnt bei 0,0 und endet bei 10.0.
(3) The frequency and Impact of Walking Impairment in MS. A survey
Conducted by Harris Interactive and Sponsored by Acorda Therapeutics
and the National MS Society. June 2011.
(4) The frequency and Impact of Walking Impairment in MS. A survey
Conducted by Harris Interactive and Sponsored by Acorda Therapeutics
and the National MS Society. June 2011.
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Pre Cars AG | 8. Nov. 2011, 12:09
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