• 07.11.2011, 18:15:01
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Das Kreuz mit dem Mangel an fast allem - von Esther Mitterstieler

Facharbeitermangel allein per Zuzug zu lösen, ist eine Illusion

Wien (OTS) - Hallo, wir leben noch, möchte man angesichts
griechischer und anderer Tragödien rufen. Ein Blick aufs
Wochenprogramnm zeigt: Trotz Bildungslücken leben wir ganz gut und
sind in vielen volkswirtschaftlichen Vergleichen OECD- wie EU-weit in
den vordersten oder zumindest mittleren Rängen. Der vermeintliche
Mangel an fast allem prägt das Land trotzdem: So fleißig gejammert
wie hierzulande wird derzeit höchstens in Athen oder Genua. Daher
lassen Sie uns bitte die Sorgen, die wir haben, wichtig nehmen, aber
nicht ins Grenzenlose aufbauschen. Wenngleich die Sorge um die
Facharbeiter einen Mangel beschreibt, den wir tatsächlich ernst
nehmen müssen.

Es ist das alte Lied, das die Wirtschaft seit mehreren Jahren
anstimmt: Sie braucht Facharbeiter. Und trotzdem scheint sich hier
auch nach der Öffnung der Arbeitsmarktgrenzen Richtung Osteuropa
nichts bewegt zu haben. Das hat seinen Grund: Wer sich der Illusion
hingegeben hat, mit importierten Facharbeitern werde sich der Mangel
beheben lassen, hat sich getäuscht. Denn eine Not an qualifizierten
Fachkräften muss primär im Inland gelöst werden. Es geht um die Aus-
und Heranbildung unserer eigenen Jungen, denen wir damit auch ein
Zukunftsszenario zeigen können. Dafür muss die Lehre allerdings
attraktiver gestaltet werden. Beispiele wie das Zusammenspiel
zwischen Unternehmern und Kremstaler Technischer Lehrakademie haben
gleich zweifache Vorbildwirkung: die Jugendlichen bekommen eine
theoretische und praktische Ausbildung, die in eine Jobgarantie
mündet. Anders gesagt: Der Bund zahlt die Lehrer, die Unternehmen den
Rest. Ergebnis: Die Lehre wird mit der Matura verknüpft - zum Vorteil
aller. Das ist auch schon das Stichwort: Das Ausbildungssystem sollte
flexibler werden, die Jugendlichen auch von der Lehre in die
Forschung wechseln können und vice versa.

Was uns bremst, ist unser starrsinniges Festhalten an einem
Schulsystem aus dem vorigen Jahrhundert. Dass Lehrlinge oft
Schwierigkeiten mit den Grundrechenarten und dem Lesen und Schreiben
haben, ist ein Resultat dessen. Dass drei von vier Unternehmen sich
schwer tun, Lehrlinge zu finden, ist ein weiteres. Leider ein
weiteres Faktum: Unternehmen bilden besonders in Krisenzeiten selbst
nicht gerne aus. Nichts zu tun ist jedenfalls das falsche Rezept.
Eine Studie von Synthesis prognostiziert bis 2015 zusätzliche 184.600
neue Jobs für Facharbeiter. Es ist an der Zeit, kreative Lösungen à
la Kremstal anzuwenden. Sonst gefährden wir langfristig unseren
Wohlstand.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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