- 07.11.2011, 10:00:43
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WirtschatsBlatt-Leitartikel: Hannibal innerhalb der Tore - von Hans Weitmayr
Europa braucht den Sputnik-Moment, nicht den IWF
Wien (OTS) - Will man das Verhältnis zwischen EU und IWF
beschreiben, reicht ein "ante portas" seit vergangener Woche nicht
mehr aus. Der IWF befindet sich seit der Zusage Roms, seine
Reformprogramme vom Fonds prüfen zu lassen und so für mehr Vertrauen
an den Märkten zu sorgen längst innerhalb der Stadt, nicht davor.
Eine bemerkenswerte Volte der Geschichte findet damit ihre
Vollendung. Denn bislang war der IWF nur an den äußersten Rändern
Europas aktiv geworden - und das unter Voraussetzungen, die man in
gewisser Weise kleinreden konnte - besonders in Griechenland. In
diesem Fall konnte man sich immer wieder vorsagen, dass ein EU- und
Euroland nur nach jahrzehntelangem budgetären Betrug unter den
Einfluss des Fonds geraten ist. Aber Italien? Das Land trifft in
vielerlei Hinsicht den EU-Durchschnitt. Nicht die kriminelle Energie
einiger Politiker, die auf diese Art ihre Wiederwahl sichern wollten,
hat zu dieser Art der Kontrolle - oder härter formuliert:
Bevormundung - eines EU-Landes geführt, sondern seit Jahrzehnten
bekannte Misswirtschaft, die jetzt das ökonomische Kartenhaus Italien
zum Einsturz bringen könnte.
Neben dieser Erkenntnis gibt es aber auch eine symbolische
Komponente: Italien ist EU-Gründungsmitglied, es gehörte über
Jahrzehnte zu den G7, also zur Elite der Weltwirtschaft. Die
nördlichen Regionen des Landes zählen zu den reichsten des Kontinents
und kulturell war das Land ohnehin immer schon eines der absoluten
Zentren Europas. Dieses Kernland steht jetzt also in gewisser Weise
unter IWF-Kuratel. Bemerkenswerterweise wird dieser Dammbruch
jenseits der italienischen Grenze mit einem müden Schulterzucken
quittiert, da und dort wird vielleicht noch auf die - bei Weitem
nicht erwiesene - reinigende Kraft der Fonds-Aufsicht hingewiesen,
das war es dann aber auch schon.
Diese Lethargie ist nicht ungefährlich. Setzt sich der Gedanke eines
nachhaltigen Niedergangs in den Köpfen der Menschen fest, ist es
schwierig, Energien für eine Trendwende zu aktivieren. Gesteigert
wird diese Schicksalsergebenheit, wenn man immer öfter hört, dass es
ohne Hilfe von außen nicht geht: China, Indien und Brasilien sollen
Geld bereitstellen - das ist an sich bitter genug. Dass man jetzt
aber auch auf intellektuelle Hilfsdienstleistungen seitens des IWF
angewiesen sein soll, trägt das Potenzial in sich, Europas
Selbstbewusstsein vollständig zu untergraben. Europa ist immer noch
reich an Ideen und - ja - finanziellen Mitteln. Es hätte die Kraft,
sich selbst aus der Krise herauszuziehen. Ohne fremde Hilfe. Dazu
braucht es aber einen Sputnik-Moment, nicht den IWF.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]
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