• 03.11.2011, 17:22:01
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Klartext, reichlich spät"

Ausgabe vom 4. November 2011

Wien (OTS) - Aha. Am Mittwochabend haben also Angela Merkel und
Monsieur le President, Nicolas Sarkozy, mit Griechenlands politischer
Führung endlich doch noch Klartext geredet. Schluss mit leeren
Versprechungen, man wolle endlich Taten sehen. Und prompt fiel es den
Griechen tatsächlich wie Schuppen von den Augen, jedenfalls
überschlagen sich seitdem die politischen Ereignisse in Athen.

Dinge, die seit dem Ausbruch der Krise vor drei Jahren nicht möglich
waren, gehen jetzt plötzlich fast schon locker von der Hand. Sogar
die konservative Opposition, die bis dahin aus unerfindlichen Gründen
felsenfest der Überzeugung war, das ganze griechische Drama gehe sie
rein gar nichts an, erklärt sich nun bereit zum längst geforderten
nationalen Schulterschluss.

Na also, denkt sich da der einfache Beobachter, es geht ja doch.

Bleibt nur die zugegeben irritierende Frage: Was, bitte schön, haben
denn bisher Merkel, Sarkozy und all die anderen mit dem griechischen
Premier gesprochen, etwa keinen Klartext?

So gesehen müsste man Papandreou fast dankbar für seine Ankündigung
eines Referendums über das Hilfspaket sein. Wer weiß, wie lange
Europas Führungspolitiker ohne diese peinliche Bloßstellung noch
gebraucht hätten, um Athen die ganze Dramatik der Situation deutlich
zu machen? Und zwar unzweideutig eindeutig.

Die Ankündigung einer Volksabstimmung wirkte auf die Darsteller im
griechischen Drama wie eine Katharsis. Wahrscheinlich ist überhaupt
erst jetzt ein Gelingen des Wiederaufbauprojekts möglich, nachdem
alle Beteiligten aufgehört haben, die Lage, in der sie sich befinden,
schönzureden. Selbst dann, wenn diese Wahrheit manchen politisch
unzumutbar erscheint.

Giorgos Papandreou wollte mit einem waghalsig wahnwitzigen Plan sein
politisches Überleben sichern. Dieser Versuch ist spektakulär
gescheitert. Gut so, hat er doch seine persönlichen Interessen höher
bewertet als das größere Ganze.

Silvio Berlusconi hat die genau gleiche politische
Prioritätensetzung. Auch er riskiert lieber einen Crash Italiens,
statt sich selbst das politische Scheitern einzugestehen. Die dafür
fällige Rechnung wird mit jedem Tag verschleppter Reformen teurer. Zu
glauben, dass nur die Italiener zur Kasse gebeten werden, ist ein
mittlerweile fast schon sträflich naiver Irrglaube.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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