OTS0024   29. Okt. 2011, 10:28

Ärztekammer warnt vor Durchpeitschen von ELGA

Noch Dutzende von Punkten offen - Steinhart: "Parlamentarische Behandlung zum gegenwärtigen Zeitpunkt unverantwortlich gegenüber der Bevölkerung"


Die Ärztekammer warnt eindringlich davor, die
geplante Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) mit aller Gewalt
durchzupeitschen. Zwar finden laufend Gespräche zwischen der
Ärztekammer und dem Ministerium statt, man sei aber noch "meilenweit
von einer Einigung entfernt", betont der Obmann der Kurie
niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien,
Johannes Steinhart. ****

Bei allen zentralen Themen und auch in vielen Details bestünden
noch vollkommene Unklarheit sowie ein breiter Dissens. Diese Lösungen
in einigen wenigen Tagen finden zu wollen, sei für die Bevölkerung
"unzumutbar und bei dieser heiklen Materie unverantwortlich".

Vor allem die Fragen hinsichtlich der Haftung, der Kosten und des
Datenschutzes seien "völlig ungelöst". Steinhart kritisiert, dass es
weder eine nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Rechnung für ELGA gebe noch
ein Konzept, wie der Gefahr eines möglichen Datenmissbrauchs
effizient entgegengetreten werden könne. "Nach unseren Berechnungen
wird ELGA mehrere Hundert Millionen Euro Kosten. Und die erst vor
Kurzem erfolgte Hackerattacke auf Daten der Tiroler
Gebietskrankenkasse hat gezeigt, wie brüchig Sicherungssysteme
speziell bei heiklen Patientendaten sind." In beiden Fällen werde vom
Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, aber
auch vom Gesundheitsministerium, eine Beschwichtigungspolitik
gefahren, die jeder realen Grundlage entbehre.

Seit Langem schon fordert die Ärztekammer statt der Opting-out-
eine sogenannte Opting-in-Variante. Steinhart: "Es kann nicht sein,
dass Patienten erst aktiv werden müssen, um aus ELGA herauszukommen,
sondern sie sollen, ganz im Gegenteil, selbst aktiv werden, wenn sie
wirklich mit ihren Daten in ELGA aufscheinen wollen." Dasselbe gelte
im Übrigen auch für die Ärzteschaft: "Wenn sich ein Arzt entschließt,
dass er an ELGA teilnehmen will, dann soll er das tun. Ärztinnen und
Ärzte aber zu ELGA zwangszuverpflichten, kommt für uns nicht in
Frage."

Jedenfalls werde die Ärztekammer keiner Lösung zustimmen, die die
niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in ihrer medizinischen
Entscheidungsfreiheit einschränke und zudem viel Geld koste, "das
anderswo viel besser eingesetzt werden könnte". Steinhart nennt hier
vor allem den Ausbau von neuen medizinischen Leistungen im
extramuralen Bereich, vor allem die Forcierung von Gruppenpraxen und
der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung, sowie die Schaffung
dringend benötigter zusätzlicher Pflegeplätze in Österreich.

Die Ärztekammer werde jedenfalls in den nächsten Wochen die
Bevölkerung darüber informieren, welche Gefahren auf sie zukämen,
sollte ELGA in dieser Form Realität werden, nämlich: "Eine
Kostenlawine ohne Nutzen sowie die Gefahr, als gläserner Patienten
jederzeit mit heiklen Gesundheitsdaten in der Öffentlichkeit
bloßgestellt zu werden", so Steinhart. (hpp)

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0024 2011-10-29 10:28 291028 Okt 11 NAW0001 0418



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