OTS0272   28. Okt. 2011, 19:35

Reformationsempfang: Ehrenamt und zivilgesellschaftliches Engagement im Mittelpunkt

Anneliese Rohrer: Aktives Engagement für Demokratie statt "Karaoke der Verärgerten"


Die Themen Ehrenamt und
zivilgesellschaftliches Engagement prägten den diesjährigen
Reformationsempfang, zu dem die Evangelischen Kirchen in Österreich
am Freitag, 28. Oktober, in die Akademie der Wissenschaften in Wien
geladen hatten.

Besorgt über das mangelnde aktive Engagement für Demokratie in
Österreich zeigte sich die Journalistin Anneliese Rohrer. "Beim
Zusammentreffen ganz bestimmter politischer und wirtschaftlicher
Faktoren kann es zu einem Multiorganversagen der Demokratie kommen",
warnte Rohrer in ihrem Vortrag "Vom Mutbürger zum Wutbürger". Die
Journalistin und "Wanderpredigerin für die Demokratie", wie sie sich
selbst bezeichnete, ermunterte dazu, sich aktiv für die Demokratie zu
engagieren. Angesichts der zahlreichen Freiwilligen und
Ehrenamtlichen etwa in den Bereichen Kunst und Sport sei es zutiefst
problematisch, wie wenige Menschen bereit seien, sich am politischen
System zu beteiligen und sich einzubringen. Rohrer versteht zwar,
dass politisches Engagement Schwierigkeiten im privaten Umfeld mit
sich bringen könne, es sollte aber in einer Demokratie nicht zu viel
Mut verlangen, politisch aktiv zu werden.

Davon, am Wirtshaustisch zu schimpfen und sonst tatenlos zu
bleiben, hält Rohrer nichts. Dies würde zu keiner Verfestigung der
Demokratie beitragen. Dieses "Karaoke der Verärgerten können wir uns
auf Dauer nicht leisten", ist Rohrer überzeugt. Gerade junge Menschen
fordert Rohrer auf, sich nicht in die Opferrolle zu drängen. Sie
erinnerte an die "Occupy"-Bewegung, die derzeit an den Börsenplätzen
der Welt gegen den großen Einfluss der Finanzwirtschaft und gegen den
Abbau der Demokratie demonstriert.

Ausdrücklich lobte die Journalistin die vor wenigen Tagen auf der
Synode und Generalsynode beschlossene Verfassungsreform der
Evangelischen Kirchen. Dieses "wichtige Signal nach außen" zeige,
dass in Österreich Reformen durchaus möglich seien.

Positive Bilanz zum "Jahr des Ehrenamts"

"Das Ehrenamt ist in den Evangelischen Kirchen nicht 'Zuckerguss',
sondern es geht um gleichberechtigte Arbeit neben der geistlichen
Arbeit", sagte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld
beim "Runden Tisch" zum Thema Ehrenamt. Dort zogen die Vertreter der
drei Evangelischen Kirchen eine positive Bilanz des laufenden "Jahres
des Ehrenamts". Waltraut Kovacic, Leiterin der von der Synode
eingesetzten Vorbereitungsgruppe, erinnerte an die Ehrenamtsordnung,
den "ersten wichtigen Schritt, der uns sehr am Herzen gelegen ist",
oder an die vor kurzem veröffentlichten "12 Standards" des Ehrenamts.
Frucht des Schwerpunktjahres sei auch die neue Ehrenamtsakademie, die
ebenso wie der Versicherungsschutz "zeigt, dass das Ehrenamt
ernstgenommen wird", wie Hennefeld betonte. Bischof Michael Bünker
wies auf das geänderte Bild des Ehrenamts hin. Das neue Ehrenamt
stelle die Frage: "Was bringt es mir?", darauf brauche es nicht nur
Antworten, sondern ebenso "professionelle Begleitung und
unterstützende Rahmenbedingungen". Dass die Methodistische Kirche als
"Basisbewegung" begonnen habe und getragen sei vom "Engagement von
Menschen aus allen Schichten", unterstrich beim Reformationsempfang
Pastor Stefan Schröckenfuchs.

Diakoniepreis und beste Fachbereichsarbeit

Der Diakoniepreis 2011 - er ist mit 10.000 Euro dotiert - geht
heuer an das Projekt "Der Laden" des Evangelischen Diakoniewerks
Gallneukirchen in Schladming. Menschen mit Beeinträchtigung können
seit Oktober 2008 in einem speziellen Einzelhandelsgeschäft, das
stark frequentiert wird, vormittags selbständig im Verkauf arbeiten.
Dieses Projekt stehe "mit dem christlichen Welt- und Menschenbild im
Einklang", lobte Synodenpräsident Peter Krömer die Arbeit. Christa
Schrauf, Rektorin des Diakoniewerks, die gemeinsam mit einem Teil des
Teams die Auszeichnung entgegennahm, würdigte vor allem das weibliche
Engagement. Das Projekt sei "in vielfacher Hinsicht eine
zukunftsweisende Sache".

Das "Ambulante Entlastungsmanagement des mobilen Palliativteams in
Waidhofen/Ybbs der Johanniter Gesundheits- und soziale Dienste GmbH"
erhielt den mit 3.000 Euro dotierten Diakonie-Sonderpreis zum Thema
Ehrenamt. Immer mehr Menschen seien von diesem Problemkreis
betroffen, so Krömer. Die gute Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichen
und hauptamtlichen MitarbeiterInnen sei ausschlaggebend gewesen für
den Preis. "Gerade dieses Projekt bewegt einen, etwas zu tun",
erklärte Kurt Drimmel, Direktor der Raiffeisenlandesbank
Oberösterreich, die den Diakoniepreis seit 2001 stiftet.

Ausgezeichnet wurde auch die beste Fachbereichsarbeit in
Evangelischer Religion. Sie kommt heuer von Leopold Potyka aus dem
Wirtschaftskundlichen Gymnasium Wien 18. In der von Ursula Schermann
betreuten Arbeit hat sich Potyka mit der Geschichte der Evangelischen
Kirche in den Jahren 1938 bis 1945 beschäftigt und damit ein Kapitel
aufgegriffen, in dem die Evangelische Kirche etwa im Unterschied zur
Zeit des Geheimprotestantismus "weniger mutig" war, wie der für
Bildung zuständige Oberkirchenrat Karl Schiefermair bei der
Preisverleihung sagte.

Der Kirchenhistoriker und Kirchenrechtler Prof. Karl Schwarz
erinnerte im Gespräch mit Udo Bachmair, der durch den Abend führte,
an die Jubiläen 150 Jahre Protestantenpatent und 50 Jahre
Protestantengesetz. Durch das Protestantenpatent sei die Evangelische
Kirche erstmals rechtlich anerkannt worden, tatsächlich sei aber die
"Römisch-katholische Kirche weiter die dominierende" geblieben, 1961
erfolgte durch das Protestantengesetz die völlige Gleichstellung nach
dem von Bundesminister Drimmel forcierten Konzept "Freie Kirche in
freiem Staat".

Präsentiert hat sich beim Reformationsempfang auch die neue
evangelische Hilfsorganisation "Brot für die Welt". Dabei geht es um
"Hilfe, wie man aus der Armuts- und Hungerfalle herauskommt", wie
Barbara Heyse-Schaefer meinte. "Ausreichende Ernährung ist ein
Menschenrecht", sagte Michael Bubik, der gemeinsam mit Heyse-Schaefer
für die Geschäftsführung der neuen Hilfsorganisation verantwortlich
ist. Durch weltweite Projekte will die gemeinsame Organisation der
Diakonie und der Evangelischen Frauenarbeit nachhaltig Ernährung
sichern, die vor allem in Deutschland eingeführte Marke "Brot für die
Welt" unterstützt dabei.

Teilgenommen haben am diesjährigen Reformationsempfang über 300
Gäste aus dem Bereich der Kirchen, der Ökumene, der Politik, der
Wirtschaft und der Kultur. Eingeladen haben die Lutherische, die
Reformierte und die Methodistische Kirche, musikalisch gestalteten
den Empfang "Klangdesign" und "Ökumenobrass".

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
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