• 28.10.2011, 19:20:06
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Freiheit mit Fragezeichen - Leitartikel von Dirk Hautkapp

Essen (ots) - Seit 125 Jahren hält sie den Einwanderern dieser Welt
vor den Toren New Yorks ihre imposante Fackel entgegen. Aber nie war
das Leuchtzeichen der Hoffnung von "Miss Liberty" so heruntergedimmt
wie heute. Der amerikanische Traum, der auf persönlicher Autonomie,
politischer Freiheit und der verbrieften Chance zu Aufstieg und Glück
für jeden gründet, hat sich für viele Amerikaner als Fiktion aus
einem schlechten Hochglanz-Prospekt erwiesen. Während die oberen
Zehntausend obszöne Reichtümer aufhäufen, sind im Kellergeschoss der
Gesellschaft Millionen auf Essensmarken, Suppenküchen und ärztliche
Minimalversorgung für lau angewiesen. Wall Street und Main Street,
die teilweise staatszersetzend vor sich hin zockende Finanzwelt und
der nach Luft schnappende Durchschnitts-Amerikaner begegnen sich
zusehends feindseliger. Ob der soziale Sprengstoff, der politischen
wie religiösen Fundamentalisten in die Hände spielt und die
Verachtung des Staates und seiner Institutionen voranschreiten lässt,
dauerhaft entschärft werden kann, ist noch die Frage. Der
Tellerwäscher rückt dem Millionär - siehe Protestbewegung - immer
näher auf die Pelle. Zumal der Niedergang der nach den Kriegen im
Irak und in Afghanistan ausgelaugten Supermacht immer drastischer
zutage tritt. Straßen, Brücken, Bahnschienen verfallen. Manche
Bundesstaaten und Städte sind zahlungsunfähiger als Griechenland. Das
unterfinanzierte Bildungssystem, das in der privatisierten Spitze
Top-Begabungen ermöglicht, produziert in der Breite
Globalisierungsverlierer. Die Arbeitslosigkeit nistet sich auf
Rekordhöhe ein. Staatlich unterstützte Energiesparmaßnahmen, die der
Erderwärmung Einhalt gebieten und Ressourcen schonen, gelten als
Teufelszeug. Im Gegenzug liegt das öffentliche Leben schnell brach,
wenn Mutter Natur einmal allzu launisch wird. Trotzdem beschwören
Politiker aller Lager bei jeder Gelegenheit noch immer pathetisch die
Größe Amerikas herauf. Ein Selbstbetrug, der lange funktioniert hat,
weil für Pessimismus in einer per Gründungsakte optimistischen Nation
kein Platz sein durfte. Das Modell funktioniert nicht mehr.

Fazit: Die Freiheitsstatue wird 125 Jahre alt. Die Mehrheit der
Amerikaner glaubt heute aber nicht mehr daran, dass es die nächste
Generation einmal besser haben wird, wenn sie nur strebsam und mutig
nach ihrem Glück sucht. Die Erosion dieses Traums ist ein Verlust an
Freiheit, der Amerika in seinem Innersten bedroht.

Rückfragehinweis:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-6528
[email protected]

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