• 28.10.2011, 17:10:43
  • /
  • OTS0254 OTW0254

Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Richtung Süden..."

Ausgabe vom 29. Oktober 2011

Wien (OTS) - Während das österreichische Parlament damit
beschäftigt war, die Beschlüsse des EU-Gipfels in unterschiedlicher
Qualität zu diskutieren, hat Italien Anleihen begeben, rund acht
Milliarden Euro. Gemessen am Kapitalbedarf der drittgrößten
Volkswirtschaft Europas ist das ein Klacks, für Premier Silvio
Berlusconi brachte es aber ein neues Desaster. Denn die Uhr tickt für
das Land. Italien schuldet derzeit in immer stärkerem Ausmaß
längerlaufende Anleihen in sogenannte Kurzläufer um. Das bedeutet,
dass das Land finanziell immer kurzatmiger wird und immer öfter mit
immer höheren Beträgen den Finanzmarkt bemühen muss. Das Ganze noch
dazu mit horriblen Zinsen an der 6-Prozent-Marke.

Den 15-Seiten-Brief, den Berlusconi zum EU-Gipfel mitbrachte und in
dem die Einsparungsmaßnahmen aufgelistet sein sollen, kennen in Rom
nicht einmal die Parlamentarier. Die Industrie lahmt, das Wachstum
2012 liegt - in der optimistischen Variante - bei null. Italien hat
fast 2000 Milliarden Euro Schulden. Der größten Bank, der Unicredit,
fehlen zwischen 12 und 14 Milliarden Kapital.

Nun könnte man sagen, das sollen sich die Italiener mit ihrem
Bunga-Bunga-Premier selbst ausmachen. Doch Italien ist Österreichs
zweitgrößter Handelspartner, und der Unicredit gehört die Bank
Austria, Österreichs größte Bank.

Italien selbst steht 2012 vor einem immensen Finanzierungsbedarf,
weil sehr viele Anleihen auslaufen. Der Kapitalbedarf der Unicredit
macht 60 Prozent des derzeitigen Wertes der Bank aus. Die Börse
bewertet sie mit 18 Milliarden.

Was in Italien passiert, ist daher für Österreich und die EU von
allerhöchstem Interesse. Politisch ist eines klar: Berlusconi kann es
nicht. Wenn dem Land aber tatsächlich vorgezogene Wahlen bevorstehen,
droht auch 2012 für notwendige Reformen verloren zu gehen. Ein Grund
mehr für einen EU-weiten Budgetaufpasser.

Wenn die Unicredit wesentliche Beteiligungen verkaufen muss oder eine
Kapitalerhöhung durchführt, die einen neuen Großaktionär bringt, so
tangiert dies Österreich wesentlich. Ist die Bank Austria betroffen?
Was tut ein neuer Großaktionär mit der Bank Austria?

Die Krise ist mit den EU-Beschlüssen beileibe nicht überwunden,
immerhin ist es jetzt möglich, sich den wahren Problemen zu widmen.
Italien steht ganz oben.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel