- 25.10.2011, 17:42:57
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Mehr Schaden als Nutzen?
Die EUFEP-Bilanz über Sinn und Unsinn von Screenings in der Krebsprävention
Krems (OTS) - Während in Krems im Rahmen des dritten Europäischen
Forums für evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung
(EUFEP) internationale ExpertInnen über Sinn und Unsinn von
Krebsvorsorge diskutierten. Der Schaden sei größer als der Nutzen,
kam die U.S. Preventive Services Task Force, mächtiges Instrument des
amerikanischen Gesundheitsministeriums, zum Schluss. Welche
Screenings machen nun tatsächlich Sinn in der Krebsfrüherkennung,
welche nicht?
Die Bilanz der EUFEP-Diskussion: Eine klare Empfehlung gab es für
die Darmspiegelung in der Darmkrebsvorsorge. Im Nutzen vollkommen
überschätzt werden sowohl das Brustkrebs- als auch das
Prostatakrebs-Screening. Wer sich dazu entscheidet, sollte das in
spezialisierten Zentren tun. Eine klare Empfehlung dagegen gibt es
gegen das Ganzkörperscreening.
Prostatakrebs-Vorsorge: Männer vor PSA-Test umfassend informieren!
Tatsächlich ist der sogenannte PSA-Test, ein einfacher Bluttest,
der die Höhe des sogenannten Prostataspezifizischen Antigens misst,
auch hierzulande seit Jahren umstritten. Zu ungenau, sagen die
Epidemiologen. Es ist das beste, was wir haben, sagen die Urologen,
denen die Problematik nicht immer bewusst ist. Tatsächlich zeigen
Studien in Deutschland, dass der Nutzen von Früherkennung des
Prostatakarzinoms wie auch des Brustkrebs in der Bevölkerung bei
weitem überschätzt wird. Sowohl beim Prostatakarzinom als auch beim
Mammakarzinom sind sich europäische Experten inzwischen einig
darüber, dass der Nutzen nicht sehr groß ist. Maximal eine Frau von
1000 Frauen kann durch Früherkennung gerettet werden. Ähnlich verhält
es sich beim Prostata-Karzinom: "In Deutschland sterben 4 von 1000
Männern an Prostatakrebs. Wenn man 1000 Männer screent, sterben
trotzdem immer noch 3. Sicher ist allerdings ein deutlicher Schaden
für weitere 50 Männer. So viele werden im Durchschnitt operiert,
obwohl sie kein Prostatakarzinom haben. Wegen einer sogenannten
"falsch-positiven" Diagnose. Ganz abgesehen von der psychischen
Belastung, der Männer ausgesetzt sind, sobald sie mit der Diagnose
"Prostatakrebs" leben, sind viele der Männer nach der Operation
inkontinent und/oder impotent," sagt Dr. Klaus Koch, IQWIG Köln,
Ressortleiter und Chefredakteur von Gesundheitsinformation.de und
Autor von "Mythos Krebsvorsorge". Seiner Meinung nach müssten sowohl
Frauen als auch Männer vor dem Screening objektiv über Nutzen und
Risiko aufgeklärt werden. Erst dann sollte man für sich selbst
entscheiden, ob man nun als gesunder Mensch den Test machen will oder
nicht.
Tatsächlich ist die Prostatakrebs-Rate sowohl in Deutschland als
auch in Österreich innerhalb der letzten 15 Jahre stark angestiegen.
In Deutschland konkret von 10.000 auf 60.000 Menschen, was laut Koch
nicht damit zusammenhängt, dass es mehr Prostatakrebs gibt als
früher. Entscheidend sei, dass man heute durch das Screening
wesentlich mehr und kleinere Karzinome findet. "Darunter sind auch
Knoten, die vorerst einmal harmlos sind. Aber doch so behandelt
werden, als wären sie gefährlich mit all den Komplikationen, die
diese Behandlungen hervor bringen," sagt Koch.
"Die Frauen werden über die negativen Aspekte nicht ausreichend
informiert und nehmen an den Programmen unter der falschen
Voraussetzung teil, dass sie einen großen Nutzen daraus haben. Das
bedeutet, dass das Screening tausende gesunder Frauen zu
Brustkrebspatientinnen macht, die chirurgisch, strahlentherapeutisch
und möglicherweise chemotherapeutisch behandelt werden, weil wir
nicht feststellen können, welche durch das Screening erkannten
Karzinome die überdiagnostizierten sind. Screening reduziert das
Risiko, an Brustkrebs zu sterben um 15 %. Zehnmal so viele Frauen als
Nutzen daraus ziehen, werden aber unnötiger Weise behandelt. Bei
diesen Frauen verursacht das Screening meist völlig unnotwendiger
Weise eine persönliche Tragödie," sagt auch Karsten Juhl Jörgensen,
MD, vom Nordic Cochrane Centre, Kopenhagen.
Bundesgesundheitskommission entscheidet über österreichisches
Mamma-Screening-Konzept
In Deutschland geht man daher dazu über, sowohl das
Mamma-Screening als auch das Prostata-Screening nur mehr in
spezialisierten Zentren durchzuführen. Eine Empfehlung, sich als
gesunder Mensch regelmäßig screenen zu lassen, gibt es für das
Mamma-Screening. Die Screening-Empfehlung gilt für zertifizierte,
spezialisierte Screening-Zentren für Frauen zwischen 50 und 69 alle
zwei Jahre. In Österreich soll die Bundesgesundheitskommission am 25.
November das neue Konzept für ein österreichweites, koordiniertes und
qualitätsgesichertes Mamma-Screening entscheiden. Nach den derzeit
diskutierten Empfehlungen sollen in Zukunft Frauen zwischen dem 45.
und 69. Lebensjahr regelmäßig alle zwei Jahre zum Mamma-Screening
schriftlich eingeladen werden. Das Konzept sieht entscheidende
Qualitätssicherungsmaßnahmen wie beispielsweise eine verpflichtende
Doppelbefundung vor und soll bis 2013 umgesetzt werden. Ab März 2013
soll laut Mag. Karin Eger vom "Competence Center Integrierte
Versorgung" mit der Einladung von Frauen zur Mammografie begonnen
werden.
Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof. Dr. Beate
Wimmer-Puchinger forderte für Frauen, die sich über
Screening-Programme informieren wollen, eine gemeinsame,
verständliche und bildbasierte Sprache, einheitliche klare
Empfehlungen und eine ausgewogene Information. Nur dann ist es Frauen
möglich, selbst die Entscheidung zu treffen, ob sie am
Brustkrebsscreening teilnehmen.
Darmspiegelung senkt Darmkrebsrisiko um bis zu 77 %
Einig sind sich die Experten, wenn es darum geht, ob die
Darmspiegelung als Vorsorge gegen Darmkrebs wirkt. In Deutschland
wurde die Darmspiegelung bereits 2002 in das gesetzliche
Krebsfrüherkennungsprogramm aufgenommen. Prof. Dr. Hermann Brenner
vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg stellte erste
epidemiologische Studien vor, die einen starken präventiven Effekt
belegen. Eine Fall-Kontroll-Studie mit 1.688 Fällen und 1.932
Kontrollpersonen zeigte, dass bei Menschen, die in den letzten 10
Jahren eine Darmspiegelung durchführen ließen, das Risiko an
Darmkrebs zu erkranken um 77 % geringer war. Eine andere Studie mit
3.287 Teilnehmern belegte ein 48 % geringeres Risiko an Darmkrebs zu
erkranken, wenn in den vorangegangenen 10 Jahren eine Darmspiegelung
durchgeführt wurde. Modellrechnungen in Deutschland legen nahe, dass
durch die Entdeckung und Entfernung fortgeschrittener Krebsvorstufen
im Zeitraum zwischen 2003 und 2010 bereits 100.000 Darmkrebsfälle
verhindert wurden.
Ganzkörperscreening: mehr Schaden als Nutzen?
Sehr kritisch stehen Epidemiologen dem Ganzkörperscreening
gegenüber. "Es gibt nicht eine einzige Studien, die zeigt, dass das
einen Nutzen bringt. Das ist derzeit reine Spekulation," sagt Dr.
Klaus Koch. Seiner Meinung nach führt Ganzkörperscreening mit
Sicherheit zu vielen Fehlalarmen und Fehldiagnosen. "Der Schaden ist
sicher. Der Nutzen ist derzeit noch völlig unklar. Und solange der
Nutzen nicht belegbar ist, sollte man hier sehr vorsichtig sein,"
sagt Koch.
Zusammenfassend meinte der wissenschaftliche Leiter des
Kongresses, Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH : "Die Diskussionen bei
EUFEP haben klar gezeigt, dass bei Ärzten mehr Bewusstsein und mehr
kritisches Denken in Bezug auf Screeninguntersuchungen notwendig
sind. Gut gemeint ist bei Krebsscreening nicht immer gut - im
Gegenteil, zu häufiges oder zu frühes Screening kann durch falsche
Alarme zu wirklichem gesundheitlichen Schaden führen".
Rückfragehinweis:
Nähere Informationen unter:
www.eufep.at
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