- 21.10.2011, 12:09:53
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Psychisch kranke Kinder und Jugendliche bekommen Therapie auf "e-card"
Langjährige Forderung der niedergelassenen Ärzteschaft wird erfüllt
Wien (OTS) - Jahrelang machte die Kurie Niedergelassene Ärzte der
NÖ Ärztekammer auf den dringenden Handlungsbedarf zur Versorgung
psychisch kranker Kinder und Jugendlicher aufmerksam. Die NÖ
Gebietskrankenkasse hat die Problematik jetzt erkannt und schafft
fünf Planstellen für Kassenordinationen. Das ist österreichweit
einmalig. Das Problem dabei? Der Hauptverband blockiert derzeit eine
Lösung für die Patienten, die nicht bei der Gebietskrankenkasse
versichert sind.
Seit 2007 läuft in Niederösterreich das Pilotprojekt Kinder- und
Jugendpsychiatrie mit zwei Fachärztinnen für Kinder- und
Jugendpsychiatrie an zwei Standorten. "Mit Hilfe des Projektes
konnten wir den massiven Bedarf nach professioneller Hilfe für
psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche aufzuzeigen", erklärt Dr.
Harald Schlögel als stellvertretender Kurienobmann der
niedergelassenen Ärzte anläßlich einer Pressekonferenz am Freitag.
Die Bandbreite psychischer Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter
reicht von Ängsten über Aufmerksamkeitsdefizite, Ess- und
Entwicklungsstörungen bis hin zu Psychosen und Depressionen. Wird
nicht rechtzeitig eingegriffen, kann das für die betroffenen Kinder
und Jugendlichen dramatische Folgen haben und schwere chronische
Erkrankungen nach sich ziehen.
Künftig wird es in Niederösterreich fünf Kassenordinationen für
Kinder- und Jugendpsychiatrie geben
In den gerade abgeschlossenen Honorarverhandlungen mit der NÖ
Gebietskrankenkasse konnte eine langjährige Forderung der
niedergelassenen Ärzte umgesetzt werden: Künftig wird es über ganz
Niederösterreich verteilt fünf Kassenplanstellen für Kinder- und
Jugendpsychiatrie geben. Die bestehenden Ordinationen in Purkersdorf
und Mödling werden bestehen bleiben, dazu kommen Ordinationen in den
Ballungszentren Sankt Pölten und Wiener Neustadt sowie dem nördlichen
Waldviertel, einer ohnehin strukturschwachen Region.
Die Kinder- und Jugendpsychiaterin, Dr. Charlotte Hartl, kämpft
seit Jahren für eine niederschwellige Versorgung der jungen
Patienten: "Was wir brauchen ist eine mehrstufige Versorgung, wobei
die Basisversorgung unbedingt über die Fachärzte im niedergelassenen
Bereich erfolgen muss. Die fünf Planstellen für Niederösterreich sind
hier ein erster, wichtiger Schritt. Denn Österreich ist in der
Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher von
internationalen Standards noch immer weit entfernt. Alleine in
Niederösterreich geht man von 30.000 beratungs- und
behandlungswürdigen Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren aus." Dass
die NÖ Gebietskrankenkasse nun als erste Gebietskrankenkasse den
Bedarf erkannt hat und fünf Kassenstellen schafft, ist für die
Fachärztin, aber vor allem auch für die Patienten, sehr erfreulich.
Die NÖ GKK mit GD Mag. Jan Pazourek und Obmann Gerhard Hutter
begründet ihre Entscheidung so: "Unsere Aufgabe ist es, die Menschen
in Niederösterreich gut und zielgruppenorientiert zu versorgen.
Zielgruppenorientiert vor allem in diesem sensiblen Bereich. Denn
Kinder sind nicht wie kleine Erwachsene zu behandeln, sie haben
andere Bedürfnisse, reagieren und leiden anders. Mit dem Vertrag und
dem maßgeschneiderten Versorgungsangebot haben wir einen wesentlichen
Schritt in der Kindergesundheit und bei der Gestaltung des
niederösterreichischen Gesundheitswesens gemacht!"
Auch Gesundheitsminister Alois Stöger begrüßt die Entwicklung in
Niederösterreich: "Dass die NÖGKK und die Ärztekammer für NÖ nur drei
Wochen nach den Ergebnissen des Kindergesundheitsdialogs ein
flächendeckendes Konzept für die kinder- und jugendpsychiatrische
Versorgung präsentieren, ist erfreulich, vorbildlich und ein
Meilenstein in der Kindergesundheit."
Evaluierung des Pilotprojektes "Kinder-und Jugendpsychiatrie in NÖ"
zeigt großen Erfolg
Dr. Charlotte Hartl und Dr. Sabine Fiala-Preinsperger sind jene
beiden Fachärztinnen, die seit Anfang 2007 in den Ordinationen in
Mödling und Purkersdorf psychisch kranke Kinder und Jugendliche
behandeln. Die Geschlechterverteilung liegt bei 66 Prozent Burschen
und 34 Prozent Mädchen. Eine erste begleitende Teilevaluierung ihres
Projekts liegt nun vor, die Zahlen sprechen für sich:
- 611 Eltern wurden befragt, 90 Prozent der Eltern gaben an, dass sich der Gesundheitszustand ihrer Kinder durch die Behandlung deutlich verbessert habe, 83 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen über 10 Jahre kamen zu dieser Einschätzung. - Eine Leistungssteigerung auch in Kindergarten und Schule wurde von 77 Prozent der Eltern festgestellt, 73 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen kamen zu dieser Einschätzung.
Stabilisierung der Gefühlswelt
In der Ordination werden die Kinder und Jugendlichen untersucht
und ein individueller Behandlungsplan für sie erstellt, die
Behandlung selbst ist mehrstufig: Viele Kinder brauchen neben der
ärztlichen Behandlung noch zusätzliche Therapien, falls nötig, bei
rund der Hälfte der Patienten, eine medikamentöse Einstellung. Die
Behandlung soll vor allem die Welt der Gefühle der Kinder wieder
stabilisieren und die Beschwerden minimieren. Besonders wichtig ist
die Arbeit mit den Eltern, auch unter Einbeziehung von Schule oder
Kindergarten. "Die meisten Eltern kommen bereits völlig erschöpft in
unsere Ordination, weil das Bewusstsein für die Krankheit ihrer
Kinder fehlt und sie den Krankheitsbeschwerden ihrer Kinder hilflos
gegenüber stehen", erklärt Dr. Fiala-Preinsperger.
Die Mutter eines Sohnes mit diagnostiziertem
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) ist seit 2008 in der Ordination
von Dr. Hartl. "2007 wurde bereits ADS bei meinem Sohn
diagnostiziert, zwei Jahre später waren wir bei Frau Dr. Hartl in
professionellen Händen. Die Zeit bis dahin war von Ängsten geprägt,
man zweifelt ständig an sich selbst. Mein Sohn war durch Lehrer und
Schule einem massiven Druck ausgesetzt, und zwar endlich zu
funktionieren oder auf eine Sonderschule zu wechseln. In der Therapie
hat dann eine intensive Elternarbeit stattgefunden, ich habe gelernt,
mit meinem Sohn und seiner Krankheit anders umzugehen. Mein Sohn
wurde medikamentös eingestellt und durch eine Psychotherapie
umfassend darin begleitet. Auch die Lehrer meines Sohnes wurden in
die Gespräche eingebunden und so ein völlig neues Verständnis für
meinen Sohn hergestellt. Heute ist mein Sohn 14 Jahre alt, er konnte
die Schule positiv abschließen und es geht ihm gut - all das wäre
ohne die fachärztliche Betreuung vor Ort nicht möglich gewesen",
schildert die Mutter und gelernte Krankenschwester den
Therapieverlauf.
Hauptverband blockiert selbst kleine Erfolge
"Wir brauchen eine Basisversorgung durch Fachärzte im
niedergelassenen Bereich - in Niederösterreich wie bundesweit. In
vielen Bundesländern haben wir keine ausreichende Zahl von
Fachabteilungen, spezielle Versorgungseinrichtungen für Kinder mit
besonderen Krankheitsbildern, wie Essstörungen oder Kinder mit
Rehabilitationsbedarf fehlen bundesweit zur Gänze. Obwohl sich die
Versicherung für Eisenbahn und Bergbau als erste Sozialversicherung
für eine Versorgung ihrer kinder- und jugendpsychiatrischen Patienten
ausgesprochen hat, wird dieser Vertrag jetzt im Hauptverband
blockiert", so Dr. Schlögel. Der Hauptverband müsse hier endlich
seine Blockade-Haltung aufgeben und eine bundesweite, professionelle
Basisversorgung ermöglichen.
Frage der Verantwortung und Volksgesundheit
In den Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie zu investieren, ist
eine Frage der Verantwortung gegenüber den betroffenen Kindern und
Jugendlichen als auch deren Eltern. Es ist aber auch eine dringende
gesellschaftliche Frage: Denn leisten wir für unsere psychisch
kranken Kinder und Jugendlichen keine professionelle Versorgung,
verlagert sich das Problem mit ziemlicher Sicherheit in den
Erwachsenenbereich. Nicht zufällig liegt Österreich bei der Anzahl
behandlungsbedürftiger, erwachsener Patienten und Suizidfällen im
internationalen Spitzenfeld.
Rückfragehinweis:
Ärztekammer für Niederösterreich, Pressestelle, Mag. Birgit Jung,
Tel. 01/53 751-623, 0676/848457 323, [email protected], www.arztnoe.at
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