- 10.10.2011, 11:17:00
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Jank: "Beim Fachkräftethema Sorgen der Betriebe ernst nehmen!"
Immer weniger Jugendliche streben in Lehrausbildung - Wiener Wirtschaft sichert mit 270 Mio. Euro Facharbeiterausbildung - Mehr Fairness in der Fortbildung und Bildungsreform gefordert.
Wien (OTS) - Wien, 10.10.2011 - Beim gestrigen Finale der World
Skills in London haben Wiens Nachwuchs-Fachkräfte ihr Können
eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Alle zwei Jahre treten die
besten Lehrabsolventen gegeneinander an, um ihre fachlichen
Fähigkeiten auf internationalem Parkett unter Beweis zu stellen.
Heuer qualifizierten sich insgesamt 1000 Burschen und Mädchen aus 50
Staaten. Mehr als 150.000 Zuschauer machten die viertägige
Veranstaltung zur weltweit größten Leistungsschau im
Ausbildungsbereich. Österreichs Team war mit 28 Teilnehmern, allein 5
davon aus Wien, überdurchschnittlich vertreten. Überdurchschnittlich
waren auch die Leistungen der heimischen "Athleten": 3x Gold, 1x
Silber, 2x Bronze.
Ungewisse Zukunft - immer weniger Lehrinteressierte
So erfreulich die Ergebnisse der österreichischen Jung-Fachkräfte in
London sind, die Zukunft sieht weniger rosig aus. "Österreich läuft
sehenden Auges auf einen Fachkräftemangel zu. Wenn die Politik nicht
rasch handelt, wird es gravierende Nachteile für unsere Betriebe
geben, die auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen sind", warnt
Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. Derzeit bilden
knapp 4500 Wiener Betriebe rund 16.100 Jugendliche zu Fachkräften
aus. Doch trotz bester beruflicher Aussichten nach einer Lehre
streben immer mehr Jugendliche die Reifeprüfung an. Gleichzeitig
nimmt die Zahl der 15jährigen in Österreich und Wien stetig ab. "Wenn
diese Entwicklung andauert, können wir den laufenden Bedarf an
Fachkräften nicht mehr decken", so Jank. Das hat direkte Auswirkungen
auf die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des
Wirtschaftsstandorts Wien.
Bildungsexperten haben das drohende Szenario bereits in Zahlen
gegossen: Während österreichweit derzeit 40 Prozent der 15-Jährigen
eine Lehre beginnen, werden es in 5 Jahren nur mehr 30 Prozent sein
-Tendenz sinkend. Mitschuld trägt auch das in großen Teilen der
Bevölkerung vorhandene aber unbegründete schlechte Image der Lehre.
So streben immer mehr Jugendliche - wohl auch durch ihre Eltern
beeinflusst - Richtung Reifeprüfung und ziehen schlecht bezahlte
Akademikerpositionen einem attraktiven Fachkräftegehalt vor. Die
Folge ist, dass viele Oberstufenschüler in einem für sie völlig
falschen Schulsystem sitzen und schlechte Noten bzw. Sitzenbleiben
lieber in Kauf nehmen als eine vielfältige, praxisnahe und
vielversprechende Fortbildung in einem der knapp 200 Lehrberufe.
Dabei zeigt ein Vergleich der Einkommen in Österreich, dass
Arbeitnehmer mit Lehrabschluss mit Maturanten annähernd
gleichgestellt sind.
Zahl der Risikoschüler steigt
Gleichzeitig klagen zunehmend mehr Ausbildungsbetriebe darüber, keine
geeigneten Lehrlinge zu finden. Tatsächlich gilt jeder fünfte Wiener
Schüler in der 8. Schulstufe als Risikoschüler, mit gravierenden
Mängeln, besonders bei der Lesekompetenz, was auch negativ auf
Fähigkeiten wie Schreiben und Rechnen durchschlägt. Um jene
Jugendlichen, die wegen mangelnder Qualifikation keine betriebliche
Ausbildung beginnen können, aufzufangen, forciert die öffentliche
Hand die so genannte überbetriebliche Ausbildung - mit Kosten von
mehr als 18.000 Euro pro Kopf und Jahr.
Gelder aus der überbetrieblichen Ausbildung besser nützen
Diese Einrichtungen sind vor allem für jene Jugendliche relevant, die
das Schulsystem mit großen Mängeln in den Basisqualifikationen wie
Lesen, Schreiben und Rechnen verlassen und deshalb keine Lehrstelle
in einem Betrieb finden. Mit hohem finanziellen Aufwand versuchen die
überbetrieblichen Ausbildungsstätten die fehlenden Fertigkeiten
auszugleichen - Fertigkeiten, die das Schulsystem vorher eigentlich
hätte vermitteln sollen! "Die Politik versucht hier, die Folgen eines
unzeitgemäßen Bildungssystems im Nachhinein auszumerzen. Damit muss
Schluss sein!", so Jank. Denn die Jugendlichen hätten zu diesem
Zeitpunkt bereits vielfach negative Erfahrungen hinter sich: keine
Erfolge in der Schule, schwierige Erlebnisse bei
Vorstellungsgesprächen und das Gefühl, gescheitert zu sein. Hinzu
kommt die Ungewissheit, wie es nach der überbetrieblichen Lehre
weitergeht.
"Das Geld zur Förderung der Jugendlichen muss viel früher eingesetzt
werden - nämlich in den Pflichtschuljahren", sagt Jank. Defizite bei
einzelnen Schülern müssen rechtzeitig erkannt und mit speziellen
Förderprogrammen beseitigt werden. Jeder Jugendliche muss in die Lage
versetzt werden, die Schule mit ausreichenden Grundkenntnissen
verlassen zu können. Alles andere ist verantwortungslos gegenüber den
Jugendlichen. Erfahrungen der Wirtschaftskammer Wien mit einem
Pilotprojekt haben gezeigt, dass lernschwache Schüler durch gezielte,
moderne Lernmethoden rasch begeistert und unterstützt werden können.
Jank: "Wenn die Politik nicht bald gegensteuert, gehen Arbeitsplätze,
Wertschöpfung und Steuern verloren."
Lehre, Matura oder Studium: Mehr Fairness!
Weiters setzt sich Jank für mehr Fairness bei der Finanzierung des
heimischen Bildungssystems ein. Dazu gehört auch, die Leistung der
Wiener Lehrbetriebe endlich gebührend anzuerkennen: Derzeit sichern
die Wiener Ausbildungsbetriebe mit rund 270 Millionen Euro jährlich
den Facharbeiternachwuchs. Dieser Einsatz bleibt in der Diskussion
meist unbeachtet. Ebenso wie das Engagement und die Kosten, die mit
einer Befähigungs- oder Meisterprüfung verbunden sind.
Was eine Meisterprüfung kostet
So ist beispielsweise für die Befähigungsprüfung als Baumeister
mindestens ein Jahr für Kurse und die Prüfung in drei Modulen -
darunter Bautechnologie, Rechtskunde, Baumanagement und
Betriebsmanagement - sowie Kosten in der Höhe von 12.000 Euro zu
veranschlagen.
Wer wiederum zur Meisterprüfung als KFZ-Techniker antritt, muss bis
zum Examen mindestens 8 Monate lang Kurse absolvieren und unter
anderem in Diagnosemethoden, Umweltschutz, Elektronik und
Motorentechnik bestehen. In diesem Fall belaufen sich Kurs- und
Prüfungsgebühren auf rund 3500 Euro.
In diesem Zusammenhang plädiert Brigitte Jank, die auch
Universitätsrätin ist, für mehr Autonomie der Universitäten bei der
Einhebung von Studiengebühren. "Vergleicht man die Ausbildungskosten,
die Studenten und angehende Meister selber tragen müssen, gibt es
eine gravierende Benachteiligung der Lehrabsolventen", so Jank. Im
Sinne einer Gleichbehandlung bzw. einer Attraktivierung der
Lehrberufe sei es dringend notwendig, endlich Fairness herzustellen.
Aufbrechen von Ausbildungs-Sackgassen
Unter dem Motto "Lebenslanges Lernen" spricht sich die
Wirtschaftskammer Wien zudem für mehr Durchlässigkeit im heimischen
Bildungssystem aus. Beispielsweise einen leichteren Zugang zu
Fachhochschul- und Unversitätsstudien für Absolventen einer Lehre.
Mit einem solcherart weiterentwickelten Verständnis von
Hochschulbildung würde Österreich an einen internationalen Standard
anschließen. Mit einer zusätzlichen Karriereperspektive würde die
Lehre massiv an Attraktivität gewinnen. Denn Lehre, Matura und
Studium dürfen keine Gegensätze sein und der Wert der Lehre muss
endlich anerkannt werden. "Die umfassende Reform unseres
Bildungswesens ist das Herzstück zur Sicherung des Standortes", so
Jank.
Optimale Berufsvorbereitung und gesicherte Bildungsstandards
Teil des von der Wirtschaftskammer Wien geforderten Reformpakets sind
darüber hinaus gesicherte Bildungsstandards. Denn eines ist klar:
"Wir haben ein Schulproblem und kein Lehrlingsproblem", betont Jank.
Um so vielen Jugendlichen wie möglich eine betriebliche Ausbildung zu
sichern, sie fit für das Berufsleben zu machen und ihnen
weiterführende Bildungswege zu eröffnen, schlägt die
Wirtschaftskammer Wien daher eine Neuordnung unter dem Titel "Neunte
Schulstufe NEU" vor:
\x{2588} Eine umfassende Berufsorientierung und -information als
Pflichtgegenstand in der 7. Schulstufe.
\x{2588} Eine Potentialanalyse, um den Schülern objektiv ihre eigenen
Neigungen und Talente vor Augen zu führen.
\x{2588} Mittlere Reife nach der 9. Schulstufe als aussagekräftiger
Qualifizierungsnachweis für
o das Erreichen der Bildungsziele und
o als Voraussetzung für alle weiterführenden Bildungswege
Durch ähnliche Maßnahmen konnte beispielsweise Finnland den Anteil
seiner Risikoschüler auf
12 Prozent reduzieren.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftskammer Wien - Presse und Medienmanagement
Martin Sattler
T. 51450 1561
E. [email protected]
http://www.wko.at/wien
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