- 29.09.2011, 11:03:01
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Schönborn: "Manchmal lernt auch der Hirte von der Herde"
Kardinal zieht im "Kathpress"-Gespräch gemischte Bilanz nach 20 Jahren Bischof in der Erzdiözese Wien: "Hoffnungsvolle Entwicklungen und Wachstumsbereiche" wie auch "dramatische und erschütternde Probleme"
Wien, 29.09.11 (KAP) Eine gemischte Bilanz nach 20 Jahren als
Bischof in der Erzdiözese Wien hat Kardinal Christoph Schönborn
gezogen. Positiven und sehr hoffnungsvollen Entwicklungen auf der
einen Seite würden auch dramatische Probleme auf der anderen Seite
gegenüberstehen, so Schönborn im Gespräch mit "Kathpress" und Medien
der Erzdiözese Wien aus Anlass des 20. Jahrestags seiner
Bischofsweihe am 29. September 1991.
Zur Frage, wie er sein Bischofsamt verstehe, verwies der Kardinal
auf das Bild des Hirten. Dieser brauche eine feste Hand, eine klare
Stimme, ein waches Auge und ein sorgendes Herz. Weiters auch
Verstand "und er soll nicht glauben, das alles von ihm abhängt". Oft
gehe der Hirte der Herde voran. Es komme aber auch vor, dass die
Herde vorangeht und gute Weiden findet, an die der Hirte nicht
gedacht hatte. Schönborn: "Manchmal lernt auch der Hirte von der
Herde."
Als "echten Wachstumsbereich" im Leben der Kirche bezeichnete
Schönborn die Caritas. Deren Tätigkeit habe sich in seiner Amtszeit
fast verdreifacht. Dies zeige zum einen, wie groß die soziale Not im
Land tatsächlich sei, zum anderen werde die große Akzeptanz und
Wertschätzung deutlich, die die Bevölkerung der Caritas
entgegenbringt.
Auch im Schulbereich gebe es sehr positive Entwicklungen. Der
katholische Privatschulbereich sei in den vergangenen 20 Jahren
stark ausgeweitet worden. Die Erzdiözese Wien sei heute mit 20
Schulen der größte nicht-staatliche Schulerhalter Österreichs.
Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Kindergartenbereich, wo die
diözesane St. Nikolaus-Stiftung stetig im Wachsen sei.
Der Wiener Erzbischof verwies zudem auf die Kirchliche Pädagogische
Hochschule Wien/Krems, die größte pädagogische Hochschule des
Landes, die von mehreren Kirchen gemeinsam getragen wird. Ein
"spannendes, weltweit einzigartiges Abenteuer", so Schönborn zur
ökumenischen Trägerschaft der Institution.
Nicht minder erfreut ist der Kardinal über "geistliche
Wachstumsbereiche" in der Erzdiözese Wien. So verzeichne er einen -
wenn auch medial wenig beachteten - Boom an Jugendgebetsgruppen. In
seiner Amtszeit seien auch vier neue Klöster in der Erzdiözese
errichtet worden bzw. in Bau und die Zisterzienser von Heiligenkreuz
hätten so viele Ordensmitglieder wie noch nie zuvor in ihrer
Geschichte.
Als schmerzliche Entwicklungen wies der Kardinal auf die vielen
Kirchenaustritte hin. Leider sei es auch immer noch nicht gelungen,
den Rückgang bei den Kirchgängern zu stoppen. Die Zahl der
sonntäglichen Messbesucher habe sich in seiner Amtszeit fast
halbiert, räumte Schönborn ein. Das sei "dramatisch und
erschütternd". Ebenso unerfreulich sei die Entwicklung, dass die
Kirche gesamtgesellschaftlich stetig an Ansehen verloren habe.
Tief getroffen hätten ihn auch die Vorkommnisse rund um die Affäre
Groer in den 1990er Jahren, so manche Spannungen innerhalb der
Bischöfe oder die Missbrauchsfälle in der Kirche. Kraft schöpfe er
persönlich aus dem Gebet, der Feier der Eucharistie und viele
ermutigende Begegnungen mit Menschen.
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