- 24.09.2011, 19:50:46
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gewonnene Jahre" (von Ernst Sittinger)
Ausgabe vom 25.09.2011
Graz (OTS) - Zuerst das Erfreuliche: Im Jahr 2030 wird es bei
uns um fünf Prozent mehr Volksschulkinder geben als heute. Jetzt das
ebenfalls Erfreuliche: Die Menge der jungen Alten wird um 42 Prozent
wachsen. Jene der über 80-Jährigen sogar um 57 Prozent. Diese Zahlen
hat die Statistik Austria vorgelegt. Das bedeutet für viele von uns
die rosige Aussicht auf gewonnene Jahre.
Weniger erfreulich ist die Frage, wie und von wem der Lebensunterhalt
für diese Bonusjahre verdient werden soll. Der Trend zur Frühpension
ist ebenso ungebrochen wie jener zur Kinderlosigkeit. Nur vier von
zehn 55- bis 59-Jährigen stehen noch im Arbeitsprozess. Die
Ausbildungszeit der Jungen ist im letzten Vierteljahrhundert um ein
Fünftel gestiegen. Das erste Kind bekommen junge (?) Mütter im
Schnitt mit 29 Jahren.
Schon lange ist klar: Die wenigen Jungen werden den vielen Alten
nicht einen Lebensnachmittag und -abend im gewohnten Wohlstand
bezahlen können. Zuwanderer füllen zwar die Bevölkerungslücke, aber
das Bildungssystem erweckt nicht den Eindruck, für die Anforderungen
der multiethnischen Gesellschaft zuverlässig gerüstet zu sein. Das
Geld, das wir heute als Zinsen für Schulden ausgeben, fehlt für
Bildung und Forschung.
Die Politik hat sich bisher darauf beschränkt, den Wählern jenen Sand
in die Augen zu streuen, in den sie selber ihren Kopf steckt. Ein
Schritt vor, zwei Schritte zurück: Auf kleine kosmetische Korrekturen
im Pensionssystem sind jeweils große Sünden in Form von Wahlzuckerln
gefolgt.
Geld ist beileibe nicht das Wichtigste. Was fehlt, ist ein positiver
Entwurf der alternden Gesellschaft. Zu diesem Entwurf gehört das
Bewusstsein, dass wir alle füreinander verantwortlich sind - je nach
Leistungskraft, aber unabhängig vom Alter. Es ist gefährlich, die
Gesellschaft zu teilen in die glücklichen Inhaber angeblich
"erworbener" Ansprüche und in die Beklagenswerten, die diese
Ansprüche einzulösen haben. Das Anspruchsdenken ist Illusion: Im
Umlagesystem kann nur verteilt werden, was andere gerade erarbeiten.
Die Forderung, länger berufstätig zu sein, wird zu Unrecht verfemt.
Arbeitende Alte sind im Schnitt gesünder und zufriedener. Die
Berufstätigkeit gehört entdämonisiert, die Wirtschaft muss
seniorengerechte Abläufe und Arbeitsplätze entwickeln. Der Markt wird
das sowieso erzwingen: In wenigen Jahren sind die geburtenstärksten
Jahrgänge pensionsreif. Lässt man sie einfach abtreten, gehen
Wohlstand, Produktivkraft und Finanzierbarkeit der Systeme kaputt.
Nur wenn man diese vielen Menschen im Job hält, ist unsere Aussicht
auf gewonnene Jahre intakt.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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