- 23.09.2011, 16:16:33
- /
- OTS0235 OTW0235
"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Das Internet wird zum Überwachungsnetz"
Die Vernetzung der Menschen hilft, wir dürfen nicht die Kontrolle verlieren.
Wien (OTS) - Wer heute im Internet ein Buch oder eine DVD
bestellt, erhält vom Anbieter sofort ein paar Tipps, welche Bücher
einen noch interessieren könnten. Das digitale Profil weiß mehr als
jeder Leser, wobei es zu kuriosen Empfehlungen kommen kann. Wer etwa
eine DVD über die Pop-Gruppe der 1960er- Jahre "The Mamas and the
Papas" bestellt, bekommt auch ein Buch angeboten: "Mamas und Papas:
wie wir täglich fröhlich scheitern". Wer die Rockband "Triumph"
schätzt, muss sich mit Angeboten von Triumph-Stützstrumpfhosen
beschäftigen.
Derartigen Irrtum will das größte soziale Netzwerk der Erde,
facebook, künftig verhindern. Um einen hohen Preis. 800 Millionen
Menschen sind auf facebook, in der Vorwoche war eine halbe Milliarde
Menschen gleichzeitig per Computer oder Handy in das Netzwerk
eingeschaltet. Das ist die weltgrößte Plattform für Werbung, wie ein
riesiges Plakat, das sich über die Erde wölbt.
Aber da beginnt erst die Fantasie der jungen Gründer aus
Kalifornien. Jetzt will facebook-Gründer Mark Zuckerberg aus seiner
Erfindung Lebensarchiv und Konsumplattform gleichzeitig machen. Wenn
Zuckerbergs Pläne Realität werden, dann sind wir alle nur mehr
digitale Nummern, die ihr Leben permanent ins Internet stellen und
einander beim Konsumieren beobachten. Leben als digitale
Ziffernfolge. Aus unserer Existenz wird eine Seite im Internet. Nie
hat das Wort "Killerapplikation" einen Zustand so perfekt beschrieben
wie hier.
Mark Zuckerberg hat bei der Vorstellung der neuen Pläne für
facebook versucht, den Leuten die Angst zu nehmen, ihr ganzes Leben
öffentlich zu machen. Stolz stellte er ein eigenes Babyfoto vor. So
wie er sollten alle Nutzer ihre Scheu aufgeben, ihr Privatleben vor
aller Augen zu zelebrieren. Das Babyfoto stammt aus dem Jahr 1984.
Dem erfolgreichen Jung-Unternehmer ist offenbar entgangen, welche
Symbolik in diesem Jahr liegt. 1984, das ist der große Roman von
George Orwell, wo er unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg eine
schreckliche Vision niederschrieb: ein totaler Überwachungsstaat, der
mit "Neusprech" permanent in die Gedanken und das Leben seiner Bürger
einwirkt.
So weit sind wir noch lange nicht, vor allem deshalb, weil alle
Nutzer von Social-Media-Seiten im Internet ihre Daten ja freiwillig
hergeben. Aber manche tun das in einem Zustand, den sie später
vielleicht bereuen. Dann aber haben sie keine Möglichkeit mehr,
vergangene Fehler zu korrigieren.
Schon jetzt überprüfen Personalchefs bei Bewerbungen das Internet
nach peinlichen Fotos. Geht es nach facebook, soll jeder Nutzer sein
Leben digital wiedergeben, ohne Chance, einzelne Passagen später zu
korrigieren. Das Internet bietet unglaubliche Möglichkeiten, sein
Wissen zu erweitern, politische Prozesse zu verändern und weltweit zu
kommunizieren. Aber den verantwortungsvollen Umgang damit müssen wir
offensichtlich erst lernen.
Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU






