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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Euro-Gegacker"
Ausgabe vom 17. September 2011
Wien (OTS) - Die Einschätzung, dass der amerikanische
Finanzminister - angesichts der Lage in den USA - Europa eher keine
guten Ratschläge geben sollte, ist richtig. Aber wer hat ihn zu den
EU-Finanzministern eingeladen? Wohl ein Europäer. Was wird sich
Timothy Geithner wohl danach gedacht haben, nach einem als informell
bezeichneten Gespräch? Europäische Finanzminister erzählen in der
Öffentlichkeit ganz locker, was da besprochen wurde - inklusive
eigener Wertung.
Das beschreibt das EU-Problem recht gut: Alle gackern, aber niemand
legt ein Ei.
Wenn der amerikanische Finanzminister meint, Europa solle mehr Risiko
nehmen und den Euro-Schutzschirm aufblasen, hat er recht. Genau das
tun die Märkte, sprich Finanzgesellschaften jeglicher Art: Sie
spekulieren auf Pump gegen Griechenland und den Euro. Dieses
Selbstbewusstsein der Amerikaner geht den Europäern ab, und in der
Vergangenheit war das auch gut so.
Gegenwart und Zukunft sind aber anders. Mittlerweile tingeln
Propheten des Finanzkapitalismus wie Alan Greenspan und George Soros
von Markt zu Markt und erklären, in fünf Jahren sei der Euro
Geschichte.
Wo sind wir denn? Warum lässt sich die EU dies gefallen? Wo sind denn
die EU-Finanzminister, zu denen auch Maria Fekter zählt, wenn solche
Sätze fallen?
Sich an Timothy Geithner zu reiben und an seinem Beispiel
klarzustellen, dass sich Europa von den USA, die viel schlechtere
Wirtschaftsdaten haben, nichts vorschreiben lässt, ist gänzlich
verlogen. Wer ist denn dem chinesischen Regierungschef Wen Jiabao
voll in die Parade gefahren, als dieser gönnerhaft meinte, China
kaufe gern Euro-Anleihen, wenn Europa die (skrupellose) chinesische
Handelspolitik abnicke? Richtig: niemand. Vom reichen Onkel könnte ja
Geld kommen, also freundlich sein.
Beim amerikanischen Finanzminister regen sich dagegen plötzlich viele
auf. Verlogenheit, Egoismus und falsche Einschätzung pflastern den
Weg der Politiker in europäischen Fragen. Eine duckmäuserische
EU-Kommission vervollständigt das Bild. Das ist das nachhaltige
Problem des Euro - nicht Griechenland. Europa wäre sehr stark - ohne
seine Organisation, die auf nationale Entscheidungen abstellt.
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