• 16.09.2011, 16:05:08
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Sizilien liegt an der Donau. Schluss damit"

Kaufen, bedrohen, bejubeln. Die Korruption blühte auch im Mediensystem.

Wien (OTS) - Stellen wir uns einmal vor, die deutsche
Bundeskanzlerin Angela Merkel würde bei einem Betriebsbesuch den Chef
der Deutschen Bahn fragen, ob er nicht um ein paar Millionen in der
Bild-Zeitung werben könne. Oder der Chef des Boulevard-Blattes würde
im Kanzleramt auf einen Kaffeeplausch vorbeischauen. Wegen ein paar
Anzeigen.
Undenkbar? Natürlich, geradezu absurd und beleidigend für das
Regierungsmitglied eines Landes, wo man das Wort Pressefreiheit
buchstabieren kann.
Bei uns ist das "normal", wie Faymanns treuer Staatssekretär Josef
Ostermayer versichert. Mit Herausgebern wird freilich nicht nur
über Inserate geplaudert, sondern auch gleich über freundliche
Artikel, die man ja - bitteschön - dazukaufen könne. Der
Inserate-Skandal rund um die ÖBB in der Zeit, als Faymann
Infrastrukturminister war, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem
Sittenbild, das da heißt: "So kauf' ich mir die Zeitungen, aber
nicht in der Trafik, sondern mit Steuergeldern."
Wenn in einer Gratiszeitung mit dem stolzen Namen Österreich
steht, Faymann "sei die Notoperation der EU geglückt", dann weiß man,
solche Jubelmeldungen werden nach Anzeigentarif verrechnet. Ein
Vertrag zulasten Dritter, zulasten der Steuerzahler.
Davon profitieren regelmäßig zwei österreichische Familien, die
sich rein finanziell vor der kommenden Wirtschaftskrise nicht
fürchten müssen. Auch das ist Gerechtigkeit - beide bekommen, vor
allem über zwei Gratiszeitungen, ungefähr gleich viel Geld.
Zweifellos ein Akt geschickter Diplomatie.
Aber es kommt noch schlimmer: Nicht nur Politiker, auch
Unternehmer fühlen sich von den robust vorgetragenen Forderungen der
Gratis-Macher regelmäßig unter Druck gesetzt. Hinter vorgehaltener
Hand erzählen sie gerne, wie positive redaktionelle Artikel als
Draufgabe für üppige Inseratengelder angeboten werden. Und Redakteure
berichten, wie sie angehalten wurden, unkritische Artikel über
zahlungsbereite Firmen zu schreiben. Begründung des Herausgebers:
"Von euch lass ich mir mein Geschäft nicht kaputt machen."
Politiker, die sich Meinung kaufen, Unternehmer, die sich vor
Zeitungen fürchten - man kommt sich vor wie in Sizilien. Aber dort
scheint wenigstens das ganze Jahr die Sonne.
Jetzt muss ein Wendepunkt unseres Mediensystems kommen. Das Land
muss schnell riesige Korruptionsskandale aufklären. Das können nur
Medien, die nicht käuflich sind, und Politiker, für die Zeitungen
mehr sind als nur Lokomotiven zur nächsten Wahl.
Gut, dass es Staatssekretär Ostermayer gibt. Er sagte kürzlich:
"Journalisten müssen als vierte Macht im Staat ihrer Aufgabe ohne
Druck von außen nachgehen können." Wir danken für die Unterstützung.

Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

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