OTS0202   14. Sept. 2011, 13:17

Kardinal Schönborn skizziert "missionarische Reform" für die Kirche

Kardinal Schönborn ruft zu einem "radikalen Aufbruch" der Kirche auf, "um den Menschen des 21. Jahrhunderts nahe zu sein und den Glauben verkünden zu können".


14. 9. 2011 (PEW) Angesichts des "europäischen
Megatrends des Auszugs der Menschen aus den Institutionen", der auch
alle großen Religionsgemeinschaften trifft, werde es für die
katholische Kirche immer schwerer, "in den tradierten Strukturen nach
den gewohnten Maßstäben zu arbeiten", schreibt der Wiener Erzbischof
Kardinal Chritoph Schönborn in einem Brief vom 12. September an die
Mitarbeiter der Erzdiözese. Eine wirkliche Erneuerung der Kirche in
Österreich erhofft sich der Kardinal allerdings nicht von
"Regeländerungen, wie sie - wenn überhaupt - nur die Weltkirche
vornehmen kann". Vielmehr gehe es um einen "radikalen Aufbruch" der
Kirche, "um den Menschen des 21. Jahrhunderts wirklich nahe zu sein
und den Glauben verkünden zu können". Es gehe darum, "die Türen als
missionarische Kirche weit aufzumachen und in die Welt
hinauszugehen".
An erster Stelle der Überlegungen einer Reform müsse der
"Grundauftrag des Herrn an seine Kirche" stehen: "Geht in alle Welt,
verkündet das Evangelium!" Kirche sei kein Selbstzweck: "Mission ist
ihr Grundauftrag", so Schönborn, der von einer "missionarischen
Reform" spricht: "Das ist der Maßstab für all unser Tun. Von da her
müssen wir uns der Frage stellen: Welche Strukturen helfen uns dabei
und welche nicht (mehr)?"

Neue Gründungs-und Aufbaudynamik in der Kirche

Die tiefgreifenden Veränderungen im Zusammenleben der Menschen
verlangten nach adäquaten Strukturen und einem Mentalitätswandel auch
in der Kirche. Es brauche eine "neue Dynamik des Aufbauens und
Gründens" lebendiger Keimzellen - "kleine, offene Gemeinschaften
mitten im weltlichen Geschehen, die gerade Laien in größere
Verantwortung rufen werden". Insofern werde die Struktur
"kleinteiliger" werden. Zugleich werde es größere Einheiten in
verschiedenen Kooperationsformen heutiger Pfarren geben, "um eine
lebendige pastorale Arbeit zu fördern und die Gemeinden um geistliche
Quellorte zu sammeln".
Dabei würde sich auch manche Aufgabe der Pfarrer und der pastoralen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "stark verändern". Diese Form der
Kirche lebe von der gemeinsamen Verantwortung aller, nicht nur von
Amtsträgern. Wichtig sei nicht, "welchen Platz wer in der Struktur
der Kirche einnimmt, sondern ob wir einander im Christsein
ermutigen." Nicht die Anzahl der Priester sei entscheidend, "sondern
was jede und jeder, der und die in der Nachfolge Christi steht, dazu
beiträgt, dass Gottes Reich in der Welt sichtbar wird - auch heute in
Österreich." Alle getauften Frauen und Männer hätten "Anteil am
gemeinsamen Priestertum, um der Welt zu zeigen, dass Gott lebt und
welche Kraft er hat".
Den Denkansatz, die Strukturen in der Kirche, so wie sie heute sind,
aufrechtzuerhalten, indem etwa die Zulassungsbedingungen zum
Priestertum geändert werden, hält Schönborn für zu konservativ. Dabei
werde auch übersehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl
der aktiven, praktizierenden Katholiken schneller zurückgegangen sei
als die Zahl der Priester. Daher halte er den Lösungsansatz, der nun
in der Erzdiözese Wien angegangen wird, für "zukunftsfähiger und
angemessener". Dazu müsse man auch auf keine Regeländerung der
Weltkirche warten: "Wir können in diesem Augenblick beginnen."

Den begonnenen Aufbruch weiterführen

Die missionarische Reform in der Erzdiözese Wien habe mit dem Prozess
der "Apostelgeschichte 2011" und den drei Delegiertenversammlungen
begonnen, im Hirtenbrief vom Mai 2011 seien die ersten Schritte
abgeleitet worden. Nun gehe die Reform "von der Nachdenk- in die
Handlungsphase". Kardinal Schönborn kündigt an, dass nun "unter
breiter Beteiligung verschiedener Kräfte der Diözese" Schritte auf
dem Weg in diese Zukunft erarbeitet werden. Etwa ab Ostern 2012 soll
es dann konkrete Vorgaben geben. Er bitte alle Katholiken, diesen
Aufbruch mitzugehen.

Keine Kirchenspaltung

Eine Von einer Kirchenspaltung möchte der Kardinal nichts wissen.
"Spaltungen hat es schon genug gegeben, fast immer im Namen der
Reform der Kirche." Die Meinung mancher, die Spaltung in der Kirche
sei de facto schon geschehen, teile er nicht: "Die Vielfalt unserer
Kirche ist ein Geschenk, das einen weiten Raum in der Kirche
eröffnet, in dem so viel möglich ist. Ebenso ist es ein Geschenk,
dass wir in all dieser Verschiedenheit in einer Kirche
zusammengehören."
Kardinal Schönborn spricht in seinem Brief auch über die Erfahrung,
dass es "den eigenen Glauben belebt, von ihm Zeugnis zu geben". Er
erinnert auch an eine zentrale Botschaft des 2. Vatikanischen
Konzils: "die universale Berufung zur Heiligkeit" - und dass wir
Gott dabei auch Neues zutrauen sollten, "unerwartete Aufbrüche, die
das Gesicht der Kirche nachhaltig verändern". Es berühre ihn
zutiefst, so der Kardinal, "mehr und mehr junge, gläubige Familien zu
erleben, die mit großer Bereitschaft Ja zum Glauben sagen, zur
Kirche, Ja zum Leben, zu mehreren Kindern und zur ehelichen Treue".
Und er erlebe "nicht wenige Männer, junge wie ältere, die auch unter
den bestehenden Vorgaben zum Priesterberuf bereit sind". Auch der
Weltjugendtag im August in Madrid habe gezeigt, "welche Kraft junge
Menschen aus ihrer Freude an Christus und am Kirche-Sein beziehen".

Die Not der Wiederverheirateten Geschiedenen

Einen eigenen Punkt widmet der Kardinal in seinem Artikel auch den
Geschiedenen Wiederverheirateten. In den letzten Jahren habe ihn das
Thema "Barmherzigkeit" intensiv beschäftigt, schreibt Schönborn dazu.
Bei vielen Gelegenheiten habe er versucht, im Blick auf die Not
Wiederverheirateter Geschiedener pastorale Hilfen anzubieten.
Pastoral sei viel möglich. Zugleich sei aber festzuhalten, dass die
Kirche Jesu klare Worte von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht
aushöhlen dürfe. Schönborn weiter: "Bei aller Sorge um die, deren Ehe
gescheitert ist, dürfen wir nicht vergessen, dass die katholische
Kirche inzwischen fast die einzige Kraft ist, die die Ehe in unserer
Gesellschaft verteidigt".
Schönborn erinnert an seine Bischofsweihe vor 20 Jahren am 29.
September 2011 und schließt damit, dass diese zwei Jahrzehnte für ihn
fordernd und erfüllend gewesen sein. Neben der Dankbarkeit - "vor
allem für die Momente, in denen der gemeinsame Glaube erfahrbar war"
- hege er "eine große Hoffnung: Aus dem Glauben an Jesus Christus und
aus der Freundschaft mit ihm kommt die Kraft, den Weg weiterzugehen
und zwar gemeinsam".

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0202 2011-09-14 13:17 141317 Sep 11 EDW0001 0978



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