OTS0018   9. Sept. 2011, 08:31

Elende Evidenz für e-Health-Technologie und e-Medikation


Der Österreichische Hausärzteverband
widerspricht einmal mehr dem Präsidenten der österreichischen
Ärztekammer Dr. Walter Dorner. Dieser soll in Gesprächen mit dem
Gesundheitsminister prinzipielle Zustimmung zur e-Medikation
signalisiert haben.

"Man fordert für unser hausärztliches Handeln Evidenz ein. Wo ist
die Evidenz für die e-Health Anwendungen, die man uns zumutet?" Was
zunächst eine treffliche rhetorische Frage war wurde jetzt in der
aktuellen Ausgabe des Arzneimittelbriefes beantwortet. (Der
Arzneimittelbrief. Jahrgang 45, Nr7, Juli 2011)

Eine Forschergruppe aus London ging nach den Regeln der
Cochrane-Collaboration folgenden Fragen nach:

  • Nutzen und Risiko für Patienten,
  • Zeitaufwand und Nutzen für die Anwender (ÄrztInnen, Pflegepersonal),
  • Kosten Nutzen Analyse für die betreibenden Organisationen (zB Krankenhäuser).

Von 46000 Publikationen waren letztlich nur 53 qualitativ
ausreichend. Generell beklagten die Autoren einen Begriffswirrwarr,
mangelhafte Darstellung der Studienstandards (Fragestellung,
Methodik, Definition von Eckpunkten). Den meisten Reviews der
"klinischen Informatik" fehlen fundamentale Qualitätskriterien, ein
starker Publikations-Bias ist in der engen Interaktion vieler
Arbeitsgruppen mit den Providern der e-Health-Systeme begründet.

Zusammenfassung: Die Evidenz für den klinischen Nutzen ist
überwiegend schwach und inkonsistent. Über Risiken wird zu wenig
berichtet. Darüber hinaus fehlt der Nachweis der Kosteneffizienz von
e-Health. Ein blindes Vertrauen in die positive Wirkung
elektronischer Systeme per se ist nicht gerechtfertigt
(Originalzitat)

Detailergebnisse:

Für die Kosten-Nutzen-Relation gibt es lediglich eine moderate
Evidenz.

Die e-Medikation (e-Prescribing) ist die meist untersuchte
Anwendung. Die Autoren fanden für die Verbesserung der
organisatorischen Effektivität lediglich eine moderate Evidenz. Die
Evidenz für eine höhere Verschreibungsqualität und weniger
Medikationsfehler wird als schwach bewertet. Für ein besseres
Therapieergebnis besteht keine Evidenz.

Komplizierte und träge Anwendung, schlechte Datenbanken mit zu
vielen Fehlermeldungen werden bemängelt.

Kritische Stimmen zu e-Health-Projekten werden nicht selten als
rückwärtsgewandt abqualifiziert. Aber sind all die Versprechungen von
Anbietern und Planern von Gesundheitssystemen tatsächlich
realistisch? Werden die Prioritäten richtig gesetzt oder behindert
e-Health sogar andere, möglicherweise effektivere Maßnahmen zur
Verbesserung von Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen?
(Originalzitat)

Und bezogen auf das österreichische e-Medikations-Pilotprojekt
heißt es: Allein die Machbarkeit und der Druck der IT-Lobbyisten
kann am Ende nicht ausschlaggebend dafür sein, e-Medikation ohne
kritische Analysen über ganz Österreich zu verbreiten.

Was immer Präsident Dorner sein mag, Interessensvertreter der
Ärzteschaft ist er nicht.

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0018 2011-09-09 08:31 090831 Sep 11 HAU0001 0374



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