Evangelische Kirchen fordern Ausbau von Palliativmedizin und Hospizwesen
Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa präsentierte Orientierungshilfe zu Fragen am Lebensende
Wien (OTS/epdÖ) - Als einen "deutlichen Appell zum Ausbau von
Hospizwesen und Palliative Care" versteht der evangelisch-lutherische
Bischof Michael Bünker die rund 100 Seiten starke Orientierungshilfe
"Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit" der Gemeinschaft
Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die am Donnerstag, 25.
August, bei einer Pressekonferenz in Wien präsentiert wurde.
Obwohl in Österreich von Seiten der Diakonie, aber auch der
katholischen Ordensspitäler, viel gemacht würde, gebe es nach wie vor
Handlungsbedarf, so Bünker, der Generalsekretär der GEKE ist. Für
Verbesserungen im Bereich der Palliativmedizin tritt auch der
evangelische Medizinethiker Ulrich H.J. Körtner ein, der dem
GEKE-Fachkreis für ethische Fragen angehört und an dem Dokument
mitgearbeitet hat. "Palliative Care und ihr Ausbau sind ein wichtiges
Anliegen der Stellungnahme", so Körtner. Die Bekämpfung von Schmerzen
sei aus theologischer Sicht entschieden anzugehen, eine Zurückhaltung
aus religiösen Gründen nicht zu tolerieren. Unter bestimmten
Umständen könne auch eine palliative Sedierung - also eine Betäubung
in einer von Fall zu Fall unterschiedlichen Tiefe zur Linderung von
Schmerzen - befürwortet werden. Nichtsdestotrotz sei es nach wie vor
ökumenischer Konsens, dass das Leben eine gute Gabe Gottes sei.
Daraus ergebe sich, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde habe
sowie das Recht auf Leben und darauf, dass dieses geschützt und
geachtet werde.
Auch der Verzicht beziehungsweise der Wunsch nach Abbruch einer
Therapie kann akzeptiert beziehungsweise notwendig sein. Jedoch sei
es nicht das alleinige Ziel der Medizin, Menschen zu heilen. "Da, wo
man kurativ nichts mehr machen kann, ist palliativ oft noch sehr viel
möglich", so der Medizinethiker. Probleme im Bezug auf
Palliativmedizin sieht Körtner einerseits darin, dass Begriffe wie
indirekte oder direkte Sterbehilfe oft ungenügend definiert seien und
zu Verunsicherung speziell bei Medizinern führen würde. Andererseits
warnt er davor, dass es trotz Palliative Care weiterhin Menschen
geben wird, die ihr Leben beenden wollen.
Neben Palliativmedizin greift das Dokument auch die Themen
Sterbehilfe, Selbsttötung und Beihilfe zum Suizid auf. Die Frage nach
dem Tod würde die tiefsten Belange der menschlichen Existenz berühren
und an Aktualität immer mehr zunehmen, ist Pfarrer Thomas Wipf,
geschäftsführender Präsident der GEKE, überzeugt. "Die Medizin kann
den Menschen das Sterben nicht ersparen." Mit dem Dokument beziehe
die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa Stellung zu diesen
Fragen, die letztlich eine Kernkompetenz der Kirche darstellen würde.
"Aus christlicher Sicht gibt es kein positives Recht auf Suizid",
erklärte Körtner. Gleichwohl sei es Aufgabe der Kirche, auch jene
Menschen zu begleiten, die keinen anderen Ausweg sehen. Besonders
Seelsorgerinnen und Seelsorger stünden vor der Aufgabe, den Menschen
zu helfen, mit der Erfahrung des sinnlosen und sinnwidrigen Leidens
umzugehen. Angesichts der politischen Debatte rund um das Thema
Pflege und den ökonomischen Druck, dem pflegebedürftige Menschen in
Österreich ausgesetzt sind, sei eine Diskussion über die Zulassung
von Sterbehilfe verfrüht. Vielmehr müsse es "eine Kultur der
Solidarität mit Sterbenden" geben, die "sich auch in handfester
Sozialpolitik" niederschlagen soll, so der Medizinethiker. Dringenden
Handlungsbedarf ortet Körtner bei der Finanzierung der Pflege, die
derzeit ein Armutsrisiko darstelle.
Die Orientierungshilfe, die zuerst in englischer Sprache
veröffentlicht wurde und nun auf Deutsch erschienen ist, soll
Menschen bei einer eigenständigen ethischen Urteilsbildung helfen. Es
ist das Resultat eines intensiven Konsultationsprozesses der
GEKE-Mitgliedskirchen. Das Dokument verstehe sich als
Diskussionspapier, im "interdisziplinären wie im ökumenischen
Gespräch soll es Standard sein", wünscht sich Bischof Michael Bünker.
Es sei aus Sicht Körtners jedenfalls an der Zeit gewesen, dass sich
die evangelischen Kirchen auf europäischer Ebene konzertiert zu Wort
melden. Bei der Schrift handle sich aber um kein lehramtliches
Dokument, dass für alle Mitgliedskirchen der GEKE verbindlich sei.
Vielmehr soll es eine Anregung sein, an den im Dokument aufgeworfenen
Fragestellungen weiterzuarbeiten, so Präsident Thomas Wipf.
Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist ein
Zusammenschluss von 105 lutherischen, reformierten und
methodistischen Kirchen in 30 Ländern. Weitere Informationen zu
"Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit" sind im Internet
unter www.atimetolive.eu zu finden.














