• 23.08.2011, 18:13:49
  • /
  • OTS0171 OTW0171

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Gehirnverlagerung und roher Gewalt" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 24.08.2011

Graz (OTS) - In dubio pro reo - Im Zweifel für den
Angeklagten. Das ist die vermutlich wichtigste Regel zivilisierter
Rechtsprechung. Auch wenn aus ihr möglichen Opfern immer wieder
Ungerechtigkeit erwächst.

Nun hat die New Yorker Staatsanwaltschaft an der Glaubwürdigkeit des
Zimmermädchens Nafissatou Diallo so große Zweifel, dass sie die
Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn fallen ließ. Der wird sich
vermutlich alsbald nach Paris zurückverfügen, wo ihn die nächste
juristische Konfrontation wegen einer länger zurückliegenden
angeblichen Sex-Attacke erwartet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ziehen wir eine erste Bilanz aus dem Fall DSK. Lässt sich daraus
etwas lernen? Eher wenig. Dass sich in gewissen Momenten selbst bei
hochintelligenten Männern ein Großteil der Hirnmasse in den Penis
verlagert, ist nicht neu. Man denke an Bill Clinton im Oral Office.

Dass vermeintliche Allmacht zu zeitweiliger Bewusstseinstrübung
führen kann, ist ebenfalls bekannt. Was immer zwischen dem
Testosteronrowdy und seinem (immer noch) mutmaßlichen Opfer geschehen
ist, hätte sich, nach allem, was darüber bekannt ist, vermutlich mit
weniger Geld aus der Welt schaffen lassen, als DSK jetzt für eine
Stunde anwaltlicher Beratung zahlt. Das soll keine Verharmlosung
sein: Persönliche Würde darf weder geraubt, noch sollte sie abgekauft
werden.

Aber Geld spielte in der Folge eine Hauptrolle in diesem Fall:
Weltweit widmeten sich die Medien dem Fall, schrieben Auflagen
treibende Grundsatzgeschichten über Macht, Sex und Gewalt. An DSKs
Anwälte flossen zweifellos sechsstellige Dollarsummen. Und falls
Nafissatou Diallo einen halbwegs gewieften Medienberater hat, wird
sie in der ganzen Causa mehr verdienen als in zehn Jahren Putzdienst.
- Das klingt bizarr, ist aber ein Faktum.

Definitiver Verlierer ist vorerst DSK: Besonders, wenn den
Anschuldigungen der Journalistin Tristane Banon, der er im
buchstäblichen Sinn brutal an die Wäsche gegangen sein soll, mehr
Substanz beigemessen wird als derzeit in New York.

Das notorische Laissez faire der Franzosen bei diesem Thema wird ihn
vermutlich nicht ins Gefängnis bringen. Der Weg in den Elyseepalast
sollte aber gesperrt sein. Denn anders als Bill Clintons mundfertige
Gespielin Monica Lewinski, berichtet Tristane Banon von definitiver
Gewalt. Das ist eine unakzeptable Mischung.

Außerdem: Wer möchte schon einen Mann als Präsidenten, der sich seine
erotischen Abschweifungen mit roher Kraft holen muss?****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel