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"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Die herabgestuften Staaten von Amerika, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 07.08.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Zeit für Obama, die Budgetbremse etwas
kräftiger zu ziehen. Die USA wären nicht das erste Imperium, das
unter der Last von Schulden zusammenbricht. Doch noch müssen sich
Amerikas Feinde gedulden.

Schulden pflastern den Weg zum Friedhof der Imperien. Mit einer
Bankrottserie endeten im 16. und 17. Jahrhundert die spanischen
Weltreich-Träume. Die Briten konnten ihr Empire nach dem Ersten
Weltkrieg spätestens dann nicht mehr finanzieren, als Zinszahlungen
fast die Hälfte ihres Staatshaushalts auffraßen. Und auch der
Sowjetunion fehlte am Ende angesichts des Ölpreisverfalls vor allem
eines: Geld. Der Niedergang von Hegemonien beginne meistens mit einer
Schuldenexplosion, schreibt der britische Historiker Niall Ferguson
("Der Aufstieg des Geldes"). Und er prophezeit auch den USA ein
ähnliches Schicksal, wenn sie ihre Finanzen nicht in den Griff
bekommen.
Wie ernst die Lage ist, machte jetzt auch Standard & Poor's deutlich.
Die amerikanische Ratingagentur stufte zum ersten Mal in der
Geschichte des Landes die Kreditwürdigkeit der USA herab, von der
Bestnote AAA auf AA+. Die Folgen sind schwer vorherzusagen. Wenn
jedoch die anderen Ratingagenturen nachziehen sollten, was sie
derzeit nicht beabsichtigen, dann müssen die Amerikaner mit
Sicherheit höhere Zinsen zahlen, nämlich bis zu 100 Milliarden Dollar
mehr pro Jahr, wie die Banker von JPMorgan Chase schätzen. Die USA
versänken noch tiefer und schneller im Schuldenmorast.
US-Präsident Obama reagierte indigniert auf das Downgrading. Es wäre
vielleicht zielführender, die Budgetprobleme an der Wurzel zu packen,
als auf den Überbringer der schlechten Nachricht einzudreschen. Das
AA+ kommt nicht überraschend, Standard & Poor's hat es angekündigt,
falls die US-Regierung die Schulden in den nächsten zehn Jahren nicht
um vier Billionen reduziert. Das Sparpaket, auf das sich der Kongress
zu Beginn nach monatelangem Gefeilsche geeinigt hat, sieht jedoch nur
Kürzungen von 2,1 Billionen Dollar vor. Das ist zu wenig.
Die USA haben den kritischen Punkt bereits überschritten.
Vergleichende historische Studien, die der Ex-Chefökonom des
Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, angestellt hat,
zeigen, dass es so richtig brenzlig werden kann, wenn die
Verschuldung eines Staates auf über 90 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts steigt, weil sich dann automatisch auch das
Wirtschaftswachstum verlangsamt. Die Schuldenquote der USA ist
vergangene Woche über die 100-Prozent-Marke geklettert. Nur einmal
standen die Amerikaner tiefer in der Kreide: 1946. Damals, nach Ende
des Zweiten Weltkriegs, ließen sich die Ausgaben jedoch wesentlich
einfacher senken als heute.
Die Abgesänge auf die USA kommen dennoch zu früh. Ihr militärischer
Vorsprung, ihr Innovationspotenzial und die Schutzwirkung des Dollar
als Leitwährung sind so groß, dass die Supermacht noch ein paar
Jährchen Spielraum hat. Zugute kommt den Amerikanern, dass sie, auch
dank der schrillen Tea Party, ein ausgeprägteres Schuldenbewusstsein
haben als Europäer. Doch viel länger dürfen sich Obama & Co. nicht
spielen. Sonst landen eines Tages auch das US-Imperium und die
liberale Weltordnung auf dem Schuldenfriedhof.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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