• 20.07.2011, 16:45:32
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Auflagen für Finanzindustrie"

Ausgabe vom 21. Juli 2011

Wien (OTS) - Die europäischen Regierungschefs werden in den
kommenden 24 Stunden einige unangenehme Entscheidungen zu treffen
haben. Unter anderem deswegen, weil sie sich jahrelang vor solchen
gedrückt haben.

Dabei geht es nicht um Staatsschulden, sondern um den Umgang mit der
Finanzindustrie. Der Vergleich mit der "realen Industrie" macht dabei
sicher. Die Chemieindustrie kann auch nicht ein neues Werk irgendwo
in die Landschaft bauen. Dazu muss gewidmeter Industriegrund
vorhanden sein. Das Werk muss gewerberechtlich genehmigt werden, dazu
gehören Umweltauflagen, Sicherheitsbestimmungen und eine genaue
Beschreibung der Produktionsbedingungen. Das erzeugte Produkt muss
Mindeststandards erfüllen. Nicht umsonst sind heute manche
Pflanzenschutzmittel verboten, die vor zehn Jahren noch auf dem Markt
waren. Die Industrie unterwirft sich diesen Bestimmungen, ohne zu
murren, dass damit das freie Unternehmertum eingeschränkt wird.

Die Finanzindustrie kennt nichts davon. Neue Produkte werden einfach
verkauft und/oder gehandelt. Ob die Emission in Wien oder Jersey
ausgegeben wird, spielt keine Rolle. Welche Auswirkungen diese
Finanzgeschäfte haben oder welche Risiken damit verbunden sind -
wurscht.

Und im Großen und Ganzen funktioniert diese Finanzindustrie immer
noch so - Krise hin oder her. Da werden zum Beispiel Finanzwetten in
sehr hohen Milliardenbeträgen abgeschlossen, dass
Griechenland-Schulden um 20, 30 oder 50 Prozent nachgelassen werden.
Die Finanzindustriellen selbst haben den Überblick darüber verloren,
was sie alles tun.

Wenn also die europäischen Regierungschefs nun die diffizile Frage
lösen müssen, welche Form der Griechenland-Sanierung optimal sein
könnte (vorher weiß es ja keiner), dann sollten sie auch den Mut
aufbringen und etliche Geschäfte schlicht für erloschen erklären.
Dann werden etliche Spekulanten Milliarden verlieren, mancher Fonds
und manche Bank wird deswegen vielleicht pleitegehen. Und womit? Mit
Recht.

Den Regierungschefs muss für den Euro-Sondergipfel am heutigen
Donnerstag eines klar sein: Nicht sie sind es, die vor harten
Entscheidungen stehen, sondern die 500 Millionen Bürger des
Kontinents.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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