• 16.07.2011, 16:23:19
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Schönborn: Otto von Habsburg arbeitete für den Frieden

Wiener Erzbischof erinnert bei Requiem im Stephansdom an "folgenreicheren Fehler" Kaiser Franz Josephs, 1914 dem Krieg zuzustimmen - "Keine der Seligpreisungen Jesu hat so ein Gewicht für Otto von Habsburg gehabt wie die über die Friedensstifter"

Wien, 16.07.11 (KAP) Das Lebenswerk Otto von Habsburgs kann auch als
unermüdlicher Versuch verstanden werden, das Unglück, das der am 28.
Juli 1914 von Kaiser Franz Joseph erklärte Krieg über die Menschheit
gebracht hat, durch Friedensarbeit "wieder gutzumachen": Das betonte
Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem für den Sohn des letzen
Kaisers, langjährigen Paneuropa-Präsidenten und EU-Parlamentarier am
Samstag im Wiener Stephansdom.

Zu Beginn des Requiems erinnerte der Wiener Erzbischof an eine Wort
des Verstorbenen, wonach der wichtigste Moment jedes Menschen der
Tod sei, der jenseits der Schwelle liege, "vor der wir alle noch
stehen". Der Kardinal appellierte im Blick auf die Hungerkatastrophe
am Horn von Afrika, durch eine großzügige Spende den vom Hungertod
Bedrohten zu helfen. Die gesamte Kollekte kommt der
Caritas-Katastrophenhilfe zugute.

1914 brachte Blutvergießen und massenmordende Ideologien

"In der langen, prägenden und in vieler Hinsicht reich gesegneten
Regierungszeit Kaiser Franz Josephs gab es wohl keinen schwereren,
folgenreicheren Fehler als den, diesem Krieg zuzustimmen und ihn zu
erklären", so der Wiener Erzbischof. Der Krieg, der im Juli 1914
begann, habe "zum sinnlosesten Blutvergießen geführt, dem auch das
Bemühen des Vaters unserer Verstorbenen, des seligen Kaisers, nicht
mehr Einhalt gebieten konnte, und auch die beiden schlimmsten,
massenmordenden Ideologien, die die Menschheit bisher gekannt hat,
waren bittere giftige Früchte auch dieses Krieges".

Aufgrund der gewaltigen politischen Umbrüche von 1918 sei der
Kaisersohn in eine neue Lebenssituation hineingestellt worden, "die
ihm als Kronprinz und Thronfolger der großen Doppelmonarchie sicher
nicht vorgezeichnet war". Ein berührendes Bild sei dieser Tage durch
die Medien gegangen - das Bild des Vierjährigen im weißen Kleid
zwischen seinen Eltern beim Begräbnis von Kaiser Franz Joseph. Doch
als dieser Bub sechs Jahre alt gewesen sei, "ging die Monarchie zu
Ende, und damit die Welt, in der er eine so große Rolle hätte
spielen sollen", erinnerte Schönborn.

Seiner Berufung treu geblieben

Durch sein Leben habe Otto von Habsburg dann aber vorgezeigt, wie
man einer Berufung treu bleiben könne, obwohl das Umfeld sich völlig
verändert hat. In den Situationen, die der Ruf Gottes Otto von
Habsburg gebracht habe und die ihn wie Abraham aus einer vertrauten
Welt herausgerissen hätten, "findet er seine eigene Berufung".

Im weiteren Leben des Verstorbenen sollte dann keine der
Seligpreisungen Jesu für ihn so ein Gewicht haben wie die über die
Friedensstifter. "Ein Tag Krieg kostet viel mehr als ein Jahr
Friedenserhalt", habe er gelegentlich gesagt.

Der Kardinal nannte die Fähigkeit Otto von Habsburgs, "sich wach und
ohne Scheu auf völlig neue Situationen einzulassen", und "den Mut
und die Entschiedenheit, an dem festzuhalten, was er als Erbe und
Auftrag aus seiner Herkunft" angesehen habe, "bewundernswert". Die
Widersprüchlichkeit der Urteile über den Verstorbenen kämen aus
diesen seinen Eigenschaften: "Den einen zu modern, zu
unkonventionell, den anderen zu konservativ, ja reaktionär. In
Wirklichkeit ist er, so sehe ich es, ein leuchtendes Beispiel einer
unbeirrten, lebenslangen Treue zu seiner eigenen, unverwechselbaren
Berufung."

Von seinem Umgang mit Geschichte lernen

Otto von Habsburg habe christlichen Glauben "in seltener Tiefe von
seinen Eltern vorgelebt" gesehen, und er habe nicht der
Vergangenheit nachgetrauert. "Er hat sich aber auch nicht von denen
einschüchtern lassen, die sie kleinreden möchten und nur deren
Schattenseiten sehen wollen. Er hat uns vorgelebt, wie wir
unverkrampft aus dem Gestern für das Morgen schöpfen können. In
Sachen Umgang mit der Geschichte dürfen wir in Österreich von ihm
lernen. Und Lernen war nie eine Schande", so Schönborn.

Er zitierte einen Text Ottos von Habsburg, den dieser 1971
geschrieben habe: "Gott verlangt von dem Menschen nicht, Ihm
Siegesberichte zu bringen. Den Erfolg gibt Er. Von uns erwartet Er
nur, dass wir unser Bestes tun." Wenn es auch zur "political
correctness" gehöre - so der Wiener Erzbischof -, die Idee des
Gottesgnadentums für völlig vorgestrig zu halten, so gelte doch,
dass Otto von Habsburg diese Idee, "im ganz ursprünglich gemeinten
Sinn zuerst als Verantwortung" verstanden habe: "Nicht als ein
Anrecht auf eine Herrscherposition, sondern als Auftrag, die
anvertrauten Aufgaben, in die wir hineingestellt sind, in
Verantwortung vor Gott wahrzunehmen. Die Verantwortung vor Gott, wie
wir mit dem uns Anvertrauten umgehen, können wir weder delegieren
noch jemals ablegen."

Einsatz für Friedensprojekt Europa

Der Kardinal hob schließlich hervor, dass Otto von Habsburg ohne
Standesdünkel Menschen unterschiedlichster Herkunft und
Weltanschauung "auf Augenhöhe" begegnen konnte. Und er habe nach der
Gerechtigkeit gestrebt, weil er gesehen habe, was geschehe, wenn
brutale Macht die Ordnung der Gerechtigkeit verdränge: "Mit aller
Leidenschaft seines Herzens, seiner großen Intelligenz und seines
Mutes hat er dem Friedensprojekt Europa gedient. Gewiss, auch eine
noch so gut gelungene europäische Integration schafft nicht das
Paradies auf Erden. Das ist auch nicht Aufgabe der Politik. Aber ein
gutes gedeihliches Zusammenleben der Völker und Kulturen, der
Sprachen und Religionen zu fördern, darin sah Otto von Habsburg
seinen Auftrag, seine Berufung, in Treue zum Erbe seines Hauses, im
Geiste des Evangeliums Jesu Christi, das die Friedensstifter
seligpreist."

Als am 22. Mai 2004 in Mariazell der "Mitteleuropäische
Katholikentag" stattgefunden habe - mit über 100.000 Pilgern aus den
Ländern Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Slowenien,
Bosnien und Österreich -, bei eiskaltem, regnerischem Wetter habe er
den damals 92-Jährigen gefragt, ob er nicht schrecklich gefroren
habe, so Schönborn: "Seine Antwort, mit einem unvergesslichen
Freudestrahlen: 'Nein dafür haben wir ja gelebt!' Dafür gelebt zu
haben, dafür sage ich heute: Vergelt´s Gott, Hoher Herr! Vergelt´s
Gott, großer Heimgekehrter! Vergelt's Gott, du treuer Diener! Geh
ein in die Freude deines Herrn."

Mehr auf www.kathpress.at (forts. mgl.) fam/pwu/

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