- 08.07.2011, 08:57:51
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Kosten vs. Nutzen der Gesundheitsforschung: "Innovationen müssen sich bezahlt machen"
Diskussion mit Gesundheits-StR Wehsely, Hauptverband-Schelling, WKÖ-Gleitsmann, BMWF-Weitgruber, Grünewald/Grüne, AMGEN-Munte, Genetiker Penninger
Wien (OTS/PWK512) - In welchem Verhältnis stehen
Gesundheitsforschung, Behandlungsergebnisse, Lebensqualität und
Wirtschaftlichkeit zueinander? Österreichs Gesundheitsforschung ist
in Teilbereichen ein boomender Wirtschaftszweig. Allein in der
biowissenschaftlichen Forschung und Entwicklung erwirtschaften 347
rot-weiß-rote Unternehmen mit mehr als 28.000 Mitarbeitern Umsätze
von rund 8,8 Milliarden Euro. Doch mit dem medizinischen Fortschritt
gehen auch steigende Kosten einher, die die Gesundheitspolitik vor
große Herausforderungen stellt. Eine Veranstaltung Plattform
Gesundheitswirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich
(WKÖ) in Kooperation mit AMGEN widmete sich am Mittwochabend der
Grundsatzdiskussion "Forschungskosten versus Patientennutzen" mit
Experten aus Wissenschaft, Medizin und Politik.
Josef Penninger, wissenschaftlichen Leiter des Instituts für
Molekulare Biotechnologie, sieht den Gesundheitssektor als Jobmotor
der Zukunft: "Wir wollen alle älter werden und gesund bleiben. Das
gelingt nur mit der besten Gesundheitsversorgung und die wiederum
braucht eine innovative Gesundheitsforschung." Penninger sagte, er
träume davon, dass Österreich das Zentrum für Bio-Tech werde. Doch
dazu brauche es einen Kulturwandel, der bereits bei der Jugend
beginnt. In der Schule werde "ein bisserl Biologie und auch Physik"
unterrichtet, aber generell fehle es an der naturwissenschaftlichen
Ausbildung. Darüber hinaus sprach sich Penninger gegen die
"Gießkannenfinanzierung der Forschung" für Schwerpunktsetzungen und
"Mut zur Elite" aus. Mit Quantität könne ein kleines Land wie
Österreich nicht wettbewerbsfähig sein: "Dort wo die guten
Universitäten sind, lassen sich auch die Firmen nieder und schaffen
Arbeitsplätze, damit unsere jungen Menschen, die forschen wollen, im
Land bleiben und nicht ins Ausland gehen." In diesem Zusammenhang
würden laut Penninger die Universitäten dringend mehr Geld benötigen:
"Ein bis zwei Milliarden mehr für die Unis müssen doch drin sein."
Bei der Grundlagenforschung wisse man vorher das Ergebnis nicht.
Es gäbe keine Garantie für den Erfolg. "Doch wir müssen es
probieren", betonte Barbara Weitgruber, Sektionschefin im
Bundesminister für Wissenschaft und Forschung (BMWF). "Das
Wissenschafts- und Forschungsministerium stärkt mit gezielten
Investitionen und Maßnahmen die medizinische Forschung in Österreich.
Der aktuelle Forschungs- und Technologiebericht 2011 bestätigt diese
Schwerpunktsetzung. Allein 2011 werden rund 470 Millionen Euro in die
Förderung des Gesundheitswesens durch das Wissenschaftsministerium
investiert. Das ist im besten Sinne des Wortes Forschung FÜR die
Menschen", unterstrich die Leiterin der Forschungssektion Weitgruber.
Heuer werden erstmals über acht Milliarden Euro für Forschung und
Entwicklung in diesem Land ausgegeben.
Hans Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender und Präsident des
Hauptverbandes, bekräftigte: "Jede Innovation ist ein Wagnis. Sie
muss auch immer einen Nutzen bringen." Das gemeinsame Interesse an
der Innovation sei ein längeres, selbstbestimmtes Leben bei guter
Gesundheit. Schelling sorgte sich, dass der Eindruck entstehe, man
könne alles mit den entsprechenden Medikamenten und Behandlungen
regeln. "Doch es gibt keine Präventionstablette." Hier sei auch die
Selbstverantwortung der Patienten gefragt. "Die Reparatur ist immer
teurer als die Prävention." Dringenden Reformbedarf ortet Schelling
im Gesundheitssystem: "Im System ist genug Geld, doch es ist schlecht
verteilt." Hier müsse man die Effizienzpotenziale heben, vor allem
die Zahl der Akutbetten verringern.
Kurt Grünewald, grüner Gesundheits- und Wissenschaftssprecher im
Nationalrat, bemängelte den fehlenden Mut der Politik Risikokapital
zur Verfügung zu stellen: "Es muss für junge Forschen die Möglichkeit
geben, auf die Nase zu fallen und danach wieder aufzustehen." Für
Grünewald sei Gesundheit massiv mit dem Faktor Bildung verknüpft und
er verwies auf die unterschiedliche Lebenserwartung von
Pflichtschulabsolventen und Akademikern. Daher sei für ihn nicht
Exzellenz sondern vor allem die breite Bildung entscheidend: "Die
Lust am Lernen und Forschen muss viel mehr an unseren Schulen
vermittelt werden." Im Gesundheitssystem setzt Grünewald auf
Spezialisierung. So sollten beispielsweise Herzoperationen nicht an
circa 15 verschiedenen Standorten durchgeführt werden.
"Es geht um die Frage: Wer ist auf dem boomenden Gesundheitsmarkt
innovativ genug, um reüssieren zu können? Für mich als
Gesundheitspolitikerin ist es das Ziel, Gesundheitsdienstleister im
öffentlichen Eigentum wettbewerbsfähig zu erhalten - in Wien ist der
Weg dorthin das Wiener Spitalskonzept 2030. Innovationsfördernd ist
dabei jede Maßnahme, die die besten Köpfe und die besten Hände
unterstützt. Innovationshemmend ist hingegen ein Umfeld, in dem nicht
laufend Strukturen und Prozesse überprüft und anpasst werden. Mir
reicht der Satz \x{2588}Weil wir es immer schon so gemacht haben\x{2588} als
Rechtfertigung nicht", so die Wiener Gesundheits- und
Sozialstadträtin Sonja Wehsely.
Martin Munte, Geschäftsführer der AMGEN GmbH, verweist auf das
hohe finanzielle Risiko der Gesundheitsforschung: "Amgen investiert
als führender Konzern im Bereich der Biotechnologie rund 20 Prozent
seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das sind jährlich rund
drei Milliarden Dollar. Dabei ist nicht gesichert, welche Substanzen
die Marktreife erreichen." Sowohl Erforschung als auch Herstellung
biotechnologischer Medikamente sind komplexe und sehr aufwändige
Prozesse. Trotzdem machen die Arzneimittelausgaben noch immer einen
vergleichsweise geringen Teil der Gesamtbehandlungskosten aus,
illustriert Munte am Beispiel der Osteoporose-Behandlung: Von den 737
Millionen Euro, die in Österreich jährlich für Osteoporose
aufgewendet werden, entfallen rund 25 Prozent auf die stationäre
Versorgung. Danach folgen Kosten für familiäre, ambulante und
stationäre Pflege sowie andere medizinische Dienstleistungen. Die
Arzneimittelausgaben machen lediglich zwölf Prozent der Kosten aus.
Daraus leitet Munte ab: "Eine Therapie, die Osteoporose effektiv
bekämpfen hilft, zahlt sich aus, denn die größten Kostenfaktoren sind
stationäre Behandlungen und Pflege."
Martin Gleitsmann, Initiator der Plattform Gesundheitswirtschaft
Österreich und Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit
in der WKÖ, tritt für die Förderung des Qualitätswettbewerbs im
Gesundheitssystems ein: "Statt eines einseitigen und kurz-fristigen
Preiswettbewerbs, wollen wir den Wettbewerb um neue Produkte, die
bessere Qualität und Organisationsformen vorantreiben." Für
Gleitsmann ist klar: "Kostendämpfungen im heimischen
Gesundheitssystem sind sogar bei besserer Qualität möglich. Wir
brauchen ein System mit mehr Transparenz, Qualität und Koordination
zum Nutzen der Patienten." Jene Kosten, die man durch die Hebung von
Effizienzpotentialen spare, sollte man in Innovationen investieren.
So sollen vor allem Innovationen gefördert werden, die einen Beitrag
zu besseren Behandlungsergebnissen und höherer Wirtschaftlichkeit
leisten: "Innovationen müssen sich bezahlt machen." (AC)
Rückfragehinweis:
Wirtschaftskammer Österreich Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit Dr. Dietmar Schuster, MBA Telefon: +43 (0)5 90 900 3714 E-Mail: [email protected] www.wirmachengesundheit.at/
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