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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Frage der Beurteilung bleibt weiterhin offen" (Von Norbert Mappes-Niediek)

Ausgabe vom 25.6.2011

Graz (OTS) - Zwölf Jahre nach den letzten Schüssen haben alle
Nachkriegsstaaten des früheren Jugoslawien, Sieger wie Besiegte,
nicht nur ihre Schurken, sondern auch ihre Helden nach Den Haag
ausgeliefert. Die Verbrechen sind sorgfältig dokumentiert. Die Haager
Richter haben über Morde und Plünderungen geurteilt und sogar ganze
Feldzüge als "kriminelle Unternehmungen" gebrandmarkt. Was aber noch
immer fehlt, ist eine gültige Formel für das, was heute vor zwanzig
Jahren mit der Besetzung der slowenischen Grenzübergänge durch die
jugoslawische Volksarmee begann. Die aber ist für den Frieden
wichtiger als die Nachbereitung jeder einzelnen Untat.

"Serbische Aggression", "Bürgerkrieg" oder - mit mehr Distanz -
"jugoslawische Zerfallskriege": Jede dieser Qualifizierungen stößt
irgendwo auf Widerspruch. Kosovo-Albaner und Bosniaken fühlen sich
ohne Einschränkung als die moralischen Sieger. In Kroatien wird heute
von vielen zwischen dem gerechten Befreiungskrieg und der ungerechten
Einmischung in Bosnien scharf differenziert, schärfer, als es der
historischen Wahrheit guttut. In Serbiens öffentlicher Meinung
schließlich sind ganz allgemein die Neunzigerjahre schuld, ein
dunkles Zeitalter, in dem viel Böses passiert ist und in dem auch
manche eigenen Leute Verbrechen begangen haben.

Dass die beteiligten Völker untereinander ihre Sichtweisen auf gleich
bringen, ist zu viel verlangt. Unter Bosniaken und Kroaten wird noch
heute jeder Versuch, sich an die eigene Nase zu fassen, als
Gleichmacherei zwischen Tätern und Opfern angesehen.

Die Außenwelt ist dabei nicht hilfreich, denn sie hat nicht einmal
über ihre eigene Rolle in den jugoslawischen Kriegen ernsthaft
nachgedacht. War es richtig, Kroatien und Slowenien anzuerkennen?
Hätte man in Bosnien früher eingreifen sollen? Welche Verantwortung
tragen die USA und die europäischen Mächte für all das Schreckliche
bis hin zum Massaker von Srebrenica? Wie konnte es unter aller Augen
im Kosovo so weit kommen, dass nur noch Luftschläge halfen?

Jetzt, nach zwanzig Jahren, reißen die alten Gräben zwischen
"Interventionisten" und "Pazifisten", Anerkennungspolitikern und
Jugo-Nostalgikern wieder ein bisschen auf. Noch einmal darf man ein
bisschen pro-kroatisch, pro-bosnisch oder pro-serbisch sein.

Wer für Ex-Jugoslawien den Wertelieferanten spielen möchte, möge
seine Tugenden bitte auch auf sich selbst anwenden. Spätestens mit
dem Beitritt Kroatiens sind die Kriege ein europäisches Erbe.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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