- 20.06.2011, 16:00:32
- /
- OTS0211 OTW0211
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Märkte mit Tunnelblick"
Ausgabe vom 21. Juni 2011
Wien (OTS) - Alle starren wie gebannt auf Griechenland: Werden die
oppositionellen Konservativen das neue Sparpaket mittragen, und hören
die Demonstrationen der Bürger wieder auf? Alle starren gebannt auf
die EU-Treffen: Wann werden EU-Finanzminister und Regierungschefs das
Hilfsgeld für Athen freigeben?
Die Kaninchen - genannt Marktteilnehmer - starren dabei auf die
falsche Schlange. Griechenland mag die Story des Tages sein, aber das
wirkliche Problem sind die weltweit nach unten zeigenden
Wachstumszahlen. Schuldnerländer wie Griechenland sind nicht mit
Sparmaßnahmen zu sanieren, sondern mit einer Ankurbelung der
Wirtschaft. Dazu gehört der private Konsum genauso wie der Export.
Wenn Wirtschaftsdaten zu Industrieproduktion und Jobs aber in die
falsche Richtung zeigen, sinken Steuereinnahmen und auch die Chance,
Kredite zu tilgen.
Die EU-Regierungschefs, aber auch Barack Obamas Administration in den
USA sollten daher rasch ihr Augenmerk darauf richten. Der private
Sektor investiert zu wenig, die öffentlichen Budgets fahren ihre
Investitionen sogar zurück.
Wirtschaftsexperten erklären ständig, dass antizyklisch zu handeln
sei. Es geht also darum, die großen Unternehmen, die viel Geld
horten, und die Banken, die Firmenkredite vergeben, anzustupsen. So
ein Stups geht nicht mit wohlfeilen Worten, sondern kostet Geld. Die
Forderung, Kapitalvermögen stärker zu besteuern oder
nicht-investiertes Kapital steuerlich zu bestrafen, wird daher mit
Recht erhoben. Mit diesem Geld müssten Investitionen finanziert
werden, kein Cent davon hat in Schuldenrückzahlung zu fließen.
Es geht darum, nicht nur gebannt auf die Schuldenkrise zu starren,
sondern auch die Konjunkturentwicklung zu beachten. Der Philosoph
Peter Sloterdijk hat kürzlich gemeint, dass die Menschen unter
anderem deshalb unzufrieden seien, weil ihre Schulden sie selbst
überleben würden. Ob die Welt die Schuldenkrise in 30 oder 40 Jahren
auf ein erträgliches Maß reduzieren kann, ist also schon egal. Ob in
den kommenden Jahren die Arbeitslosigkeit steigt oder nicht, ist
dagegen nicht egal. Die EU-Regierungschefs sollten also nächste Woche
darüber sprechen, wie die Wirtschaft in den armen und schwachen
Ländern angekurbelt werden kann - und nicht nur über Sparpakete.
Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






