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"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Der Terror der Tugendbolde, von Christian Ultsch
Ausgabe vom 8. Mai 2011
Wien (OTS) - Die Entrüstung über die Tötung des Massenmörders
Osama bin Laden entspringt überwiegend nicht der Sorge um die
Rechtspflege. Sie ist viel eher Ausdruck antiamerikanischer
Heuchelei.
Am tugendhaftesten wird der gute Europäer, wenn er sich über die
barbarischen Amerikaner empören kann. Um sich selbst moralisch zu
erhöhen, ist antiamerikanischen Gutmenschen jeder unangebrachte
Anlass willkommen. Da wird dann plötzlich auch Osama bin Laden zum
verirrten Schäfchen, das besonderen Schutz verdient. Wer Freude über
den Tod des Massenmörders ausdrückt, wird einer geschmacklosen
Pietätlosigkeit geziehen, als hätte er auf dem Grab Mahatma Gandhis
ein fröhliches Tänzchen hingelegt. Die deutsche Kanzlerin Merkel
wurde nun sogar angezeigt, weil sie ihre Genugtuung über bin Ladens
Ende bekundete. Wie absurd!
Dem Tod des Terroristen wollten die besorgten Hüter des
internationalen Rechts und ihres persönlichen Wohlbefindens von
Anfang an partout nichts Positives abgewinnen. Sie suchten begierig
nach dem Verwerflichen an der amerikanischen Kommandoaktion. In die
Hände spielte ihnen die fahrlässig ungeschickte Kommunikation der
US-Regierung, die tröpfchenweise binnen weniger Tage verschiedene
Versionen des Einsatzhergangs servierte, statt gleich alle Fakten auf
den Tisch zu legen. Noch immer bestehen Ungereimtheiten. Doch nach
offiziellem Letztstand lässt sich der Vorwurf, die Navy Seals hätten
Osama bin Laden "exekutiert", nicht aufrechterhalten. Denn der
"unbewaffnete" Chef der al-Qaida griff angeblich zu seinem Gewehr,
als er erschossen wurde. Und davor schon soll einer seiner Begleiter
das Feuer eröffnet haben. Warum in aller Welt hätten die US-Soldaten
ihr eigenes Leben gefährden sollen, um einen Schwerverbrecher lebend
zu fassen? Wäre denn ihr Leben weniger wert gewesen?
Und selbst wenn sie den Auftrag erhalten hätten, bin Laden zu töten,
wäre das gerechtfertigt gewesen. Nicht nur die Amerikaner haben die
Terroranschläge vom 11. September 2001, denen fast 3000 Zivilisten
zum Opfer fielen, als Kriegsakt aufgefasst: Immerhin rief die Nato
damals den Bündnisfall aus. In solch einer Situation muss es
gestattet sein, den Anführer einer feindlichen Macht, der al-Qaida,
auszuschalten, um weitere Anschläge zu durchkreuzen.
Natürlich wäre es eleganter und auch aufschlussreicher gewesen, die
Verbrechen bin Ladens vor einem Gericht aufzuarbeiten. US-Präsident
Obama hätte trotz des schiefen Lichts, das dann auf Guantánamo und
die frühere US-Kooperation mit bin Laden gefallen wäre, vermutlich
letztlich ein Interesse daran gehabt: Er hätte seinen Triumph im
Kampf gegen den Terror in die Länge ziehen und auch vor der nächsten
Wahl noch einmal abrufen können. Doch leider ließ sich bin Laden
nicht unversehrt in den Tarnkappenhubschrauber beamen, der über
seiner Villa in Abbottabad kreiste.
Nur die wenigsten, die sich nun so ereifern über die Tötung bin
Ladens, haben je ein Wort über Raketenangriffe verloren, bei denen
noch kein Terrorverdächtiger die Chance hatte, sich zu ergeben. Ihre
Entrüstung entspringt überwiegend nicht der Sorge ums internationale
Recht. Sie ist eher Ausdruck antiamerikanischer Heuchelei.
Rückfragehinweis:
Die Presse am Sonntag
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