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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Ein gerechter Tod?"

Ausgabe vom 6. Mai 2011

Wien (OTS) - Als "uralte Gerechtigkeitsvorstellung" kritisieren
österreichische Theologen die gewaltsame Beförderung Osama bin Ladens
vom Diesseits ins Jenseits auf Befehl von US-Präsident Barack Obama.

Dürfen Demokratien überhaupt Menschen töten? Zumindest tun es manche,
siehe die Anwendung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten.
Allerdings steht hier vor der Vollstreckung des Urteils ein
rechtsstaatlicher Prozess.

Dürfen Demokratien aber auch Menschen töten, ohne zuvor ein faires
Verfahren abzuhalten?

Ja, wenn ein höheres Gut auf dem Spiel steht. Das Leben seiner Bürger
ist aus Sicht eines Staates ein solches Gut. Bin Laden hat nicht
abstrakten Institutionen den Krieg erklärt, sondern den Bürgern des
Westens und allen, die in seinen Augen deren vermeintlich gottlosen
Lebensstil unterstützen.

Dass es sich dabei nicht bloß um wirres Gerede handelte, haben Bin
Laden und die Seinen zur Genüge bewiesen: Tausende unschuldige tote
Zivilisten bezeugen, welche Vorstellung von Gerechtigkeit Al-Kaida
hat. Jeder Staat, der seine Bürger einer solch radikalen Gefahr
ausgesetzt sieht, ist zum Handeln gezwungen, wenn er keinen anderen
Ausweg mehr zu erkennen vermag.

Wer daraus ein Recht des Staates auf rücksichtslose Selbstjustiz
ableitet, verkennt die Ausnahmesituation, in der sich die westliche
Welt durch die radikale Kampfansage Al-Kaidas befindet - und Bin
Laden war, wenn nicht schon der Kopf, so doch das Symbol der
Terrororganisation.

Dennoch kann sich kein demokratischer Staat seiner
Rechtsstaatlichkeit einfach von Fall zu Fall entledigen. Auch
Massenmörder und solche, die der Mithilfe dazu beschuldigt werden,
haben das Recht auf ein faires Verfahren. Das außerhalb jeglicher
Jurisdiktion auf Kuba gelegene Gefangenenlager Guantanamo ist in
dieser Hinsicht noch immer ein tiefschwarzer Fleck auf der Weste der
westlichen Führungsmacht.

Tatsächlich erstaunlich war der weltweite Gleichklang, mit dem die
Nachricht vom Tod Bin Ladens aufgenommen wurde: Allenthalben
Erleichterung und Freude, kein Wort des Zweifels, ob ein anderes
Vorgehen nicht der Sache des Westens angemessener gewesen wäre. Das
wäre wohl bei keiner anderen lebenden Person so gewesen. Bin Laden
war zum Symbol für das Böse schlechthin geworden. Hoffen wir, dass
sich keine Nachfolger für diese Rolle finden. Dann bleibt vielleicht
auch die Geschichte seines Todes ohne Nachahmung.

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