- 25.04.2011, 18:11:40
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Weg ohne Rückkehr" von Gudrun Harrer
Für das syrische Regime ist die Möglichkeit eines verhandelten Abgangs verbaut - Ausgabe vom 26.4.2011
Wien (OTS) - Libyen und Syrien, jene Länder, in denen zurzeit der
Freiheitskampf am blutigsten geführt wird, haben nicht nur gemeinsam,
dass sie zu den repressivsten Regimen der Region gehören, sondern
dass sie auch unter ihresgleichen am unbeliebtesten sind. Ein
Gegenbeispiel wäre Saudi-Arabien, eine islamistische Diktatur, aber
in der Region hoch respektiert und auch mit dem Westen freundlich
(und deshalb "moderat" genannt).
Bei Libyen und Syrien hängt es auch an den Personen an der Spitze: Es
gibt wahrscheinlich kein arabisches Land, mit dem sich Muammar
al-Gaddafi in seiner langen Geschichte nicht überworfen hat. Aber der
hatte wenigstens noch seine Revolution selbst gemacht - im Gegensatz
zum Erbpräsidenten Bashar al-Assad, der, wie es heißt, mit seiner von
seinem Vater ebenfalls vererbten unendlichen Dozierlust den alten
arabischen Herrschern, von Mubarak bis zu König Abdullah von
Saudi-Arabien, auf die Nerven zu gehen pflegt(e). Viel Respekt hatten
sie jedenfalls vor ihm nicht.
Und da ist noch die Allianz mit Iran und der iranisch gesponserten
schiitischen Hisbollah im Libanon: Diese Allianz hat Bashar al-Assad
zwar nicht erfunden, aber sein Vater Hafiz war eben ein schlauer
Fuchs, der seine Bündnisse zum eigenen Nutzen und zur eigenen
Bedeutungssteigerung einsetzte, während Syrien unter seinem Sohn
langsam zur iranischen Interessenvertretung in der Region, auch gegen
die eigenen syrischen Interessen, zu verkommen drohte. Und das mögen
die sunnitischen Araber gar nicht: Am Persischen Golf tobt immerhin
gleichzeitig der iranisch-saudische Hegemonialstreit, und im Libanon
steht die erste von der Hisbollah gestützte Regierung ante portas.
Und die saudischen Vermittlungsversuche zwischen Hisbollah und dem
sunnitischen Lager im Libanon hat niemand anderer als Syrien
unterlaufen.
Das alles heißt: Die Lust in der Region, etwas für Assad zu tun, ist
gering. Anders als im Jemen, wo der Golfkooperationsrat versucht, Ali
Abdullah Saleh einen geordneten Abgang zu verschaffen, kommen an die
Adresse Damaskus aus dem Ausland nur die üblichen Aufforderungen, die
Gewalt einzustellen. Die USA bereiten erste Sanktionen vor, die EU
wird wohl folgen. Im Lichte der Intervention in Libyen wird bald die
Frage auf dem Tisch liegen, ob man in Syrien zusehen kann, wenn die
Demokratiebewegung zusammengeschossen wird.
Denn mit dem Einmarsch in Deraa hat das Regime endgültig einen Weg
ohne Rückkehr eingeschlagen. Es scheint die Sache selbst so zu sehen,
dass es nur Überleben - um jeden Preis - oder den Untergang gibt.
Ausgerechnet Hosni Mubarak hat in den 1990er-Jahren einmal zu einem
ausländischen Besucher über das irakische Regime von Saddam Hussein
gesagt, dass bei einem Umsturz gemeinsam mit Saddam eine Schicht von
hunderten, wenn nicht tausenden Parteigängern beseitigt - und er
dürfte das physisch gemeint haben - werden müsse. Viele sehen Syrien
so ähnlich, und das heißt, diese Hunderten und Tausenden und alle
ihre Klienten, deren Existenzen an ihren Machtpositionen hängen,
werden kämpfen.
Wie das aussehen kann, sieht man jetzt in Libyen. Und trotz der
anschwellenden Revolte gibt es in Syrien noch immer viele, die nicht
nur nicht dabei, sondern auch dagegen sind. Das heißt: Wenn die
Geschichte nicht noch einen ganz anderen Verlauf nimmt, könnte Syrien
das nächste Bürgerkriegsland in der Region werden.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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