• 04.04.2011, 09:48:11
  • /
  • OTS0040 OTW0040

bOJA zu Hundstorfer-Idee: Ausbildungspflicht bis 18 ist sicher keine Lösung und "verstärkt Teufelskreis"

Stattdessen "ausgrenzungsgefährdete Jugendliche im Bildungssystem halten" und "tatsächliche Zukunftschancen für alle jungen Menschen"

Wien (OTS) - Sozialminister Rudolf Hundstorfer plant laut
Medienberichten nach Schulende eine "Ausbildungspflicht" bis 18
Jahre. Sanktionen wie beispielsweise die Streichung der
Familienbeihilfe sind als möglicher "Anreiz" angedacht. Das
Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit (bOJA) zeigt sich über
diesen jüngsten Vorstoß "etwas verwundert", so die Geschäftsführerin
von bOJA, Mag.a Sabine Liebentritt. "Bei der Forderung nach einer
Ausbildungspflicht wird das Thema und die Verantwortung an jene
delegiert, die ganz unten sind und weder Perspektive noch
Orientierung haben", erläutert die Geschäftsführerin von bOJA.

"Teufelskreislauf von Resignation und Orientierungslosigkeit"

Es sei "erfreulich", dass die Zukunftschancen junger Menschen in
einen politischen Mittelpunkt rücken, allerdings orientiere sich die
Idee nicht an der Lebenswelt sozial benachteiligter Jugendlicher und
sei daher "kontraproduktiv", sagt die bOJA-Geschäftsführerin und
ergänzt:"Wir verstehen uns als Qualitätsdiskursplattform und
Sprachrohr für das Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit und für
unsere Jugendlichen, und ein solches Vorhaben - so gut es sich im
ersten Moment anhört - unterstützt nicht die Interessen und
Entwicklungschancen der jungen Menschen." Sie verweist auf aktuelle
Daten und Studien. "In Österreich leben derzeit 200.000 Jugendliche
in armutsgefährdeten Familien, die täglich mit dem Druck ihrer
Eltern, die entweder teilweise selbst keiner Erwerbstätigkeit
nachgehen, AlleinerzieherInnen sind oder Migrationshintergrund haben,
konfrontiert werden", so Liebentritt. Das wiederum führe direkt in
einen Teufelskreislauf von Resignation und Orientierungslosigkeit.

"Gerade junge Menschen aus einem benachteiligten Umfeld sind
verstärkt von Suspendierungen durch die Schule betroffen",
argumentiert Liebentritt im Sinne der Jugendlichen. Daher gelte es
hier, "jugendaffine Gegenmaßnahmen zu setzen, um
ausgrenzungsgefährdete Jugendliche im Bildungssystem zu halten." Das
Bildungssystem selbst müsse in die Pflicht genommen und flexibler
werden, "damit keine Jugendliche ohne Abschluss und Perspektive aus
der Schule entlassen werden". Das müsse auch im Sinne des
Sozialministers sein. Eine Ausweitung der Schulpflicht von derzeit 9
Schuljahren ist für Liebentritt "interessant zu diskutieren", denn
"nicht jeder Schüler/jede Schülerin kann oder will mit 14 oder 15
Jahren über seine/ihre weitere Zukunft bestimmen", sagt sie.

Selbstverantwortung und Mündigkeit statt "jugend-inkompatible"
Strukturen

In diesem Zusammenhang müsse sich auch das strukturelle Umfeld
fragen "inwieweit können und wollen wir junge Menschen eigentlich
erreichen?", sagt die Geschäftsführerin des Bundesnetzwerkes für
Offene Jugendarbeit, Mag.a Sabine Liebentritt. "Behörden wie
beispielsweise das AMS tun gut daran die eigenen Strukturen auf
Kompatibilität mit der Lebenswelt Jugendlicher zu hinterfragen", regt
sie an. Derzeit seien sie "eher jugend-inkompatibel". Verwirrung,
Informationsmangel seitens der Jugendlichen und zu wenig individuelle
und begleitende Maßnahmen, führen dazu, dass junge Menschen in die
Sozialhilfe rutschten. Mag.a Liebentritt: "Kein Jugendlicher
entscheidet sich bewusst gegen eine Ausbildung und für Sozialhilfe.
Wir müssen die Selbstverantwortung und Mündigkeit von Jugendlichen
fördern, denn junge Menschen haben Hoffnungen und Träume und jeder
junge Mensch will in seinem Leben Erfolg haben."

Transparenz des Gesamtangebotes statt Maßnahmen-Dschungel

Das Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit (bOJA) plädiert
für die transparente Darstellung von Projekten und Angeboten am
Übergang Schule/Beruf bzw. Schule/Berufsausbildung. Sämtliche Akteure
wie JugendarbeiterInnen, LehrerInnen und Behörden müssten beim Kampf
gegen Dropout-Risiken miteinander vernetzt arbeiten. Es braucht mehr
Unterstützung, mehr Information und mehr Bereitschaft für "kreative"
Umsetzungsmöglichkeiten, sagt die bOJA-Geschäftsführerin, daher seien
transparente Informationen, niederschwellige Zugänge und Orientierung
an den Ressourcen, Anliegen und Lebensrealitäten der Jugendlichen
dringend von Nöten. Positive Beispiele bestätigten dies.

Positive Beispiele aus der Offenen Jugendarbeit

Dass dieser Ansatz erfolgreich ist, zeigt das Beispiel Job Ahoi,
eine Initiative des Jugendzentrums Vismut in Dornbirn: Jugendliche
renovieren Boote, bekommen pro Tag bezahlt und sind keinen
Verpflichtungen oder Zwängen unterworfen, sie beteiligen sich
freiwillig - und die Folge? Sie kommen zahlreich, pünktlich und
gewissenhaft zur Arbeit. Auch die Absolvierung eines
Hauptschul-Abschlusses wird geboten. "Angebote dieser Art, die direkt
aus den Bedürfnissen der Jugendlichen heraus konzeptionell umgesetzt
werden - statt pflichtengesteuerte Ausbildungsvorschriften zu
entwickeln - werden deswegen angenommen, weil die Jugendlichen dort
abgeholt werden, wo sie sind und sie mit all ihren Anliegen, Wünschen
und Hoffnungen ernst genommen werden", erklärt Mag.a Sabine
Liebentritt, Geschäftsführerin von bOJA, das Prinzip der Offenen
Jugendarbeit. Daher wertschätzen wir die gute Absicht, die hinter den
Forderungen von Hundstorfer stehen könnte, können diese Idee in der
Form allerdings keinesfalls unterstützen. Gerne denken wir aber als
"Jugend-ExpertInnen" über konstruktive Verbesserungsmöglichkeiten für
junge Menschen mit, so Liebentritt abschließend.

Über bOJA

bOJA ist das Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit, dient
als Plattform für Wissens- und Informationsaustausch und vernetzt
Menschen, Ideen, Projekte, Einrichtungen - national und
international. bOJA unterstützt das Erwachsen werden für Jugendliche
in Österreich, indem es mit seinen Partnern im Handlungsfeld der
Offenen Jugendarbeit (soziale Einrichtungen, Wirtschaft, Verwaltung,
Bildungswesen, etc.) zusammenarbeitet und als Sprachrohr und
Interessensvertreter für die Bedürfnisse von Jugendlichen aus der
Offenen Jugendarbeit agiert. bOJA hat sich zur Aufgabe gesetzt, die
Qualitätsstandards in der Offenen Jugendarbeit voranzutreiben und das
Bewusstsein für die Bedeutung von Offener Jugendarbeit zu heben.
Geschäftsführerin von bOJA ist Mag.a Sabine Liebentritt.
bOJA wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und
Jugend.

www.boja.at

Rückfragehinweis:

Bundesweites Netzwerk Offene Jugendarbeit
   Mag.a Sabine Liebentritt, GF
   c/o Lilienbrunngasse 18/2/47
   1020 Wien, Österreich
   Mail: [email protected] 
   Tel: 0660 7315 237

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NEF

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel