TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Vom 1. April 2011 von Gabriele Starck "Verdrängung macht das Leben leichter"

Das Erschreckendste am Störfall von Fukushima ist: Noch immer hat niemand einen Rettungsplan.

Innsbruck (OTS) - Exakt drei Wochen ist es her. Da erschütterte
mit Stärke 9 eines der schwersten Erdbeben in der Geschichte der Aufzeichnungen den Norden Japans. Drei Wochen und einige Stunden später brachten die Folgen die gesamte technikgläubige Welt aus dem Gleichgewicht. Alles starrt seither gebannt auf sechs Reaktoren in Fukushima bzw. das, was davon noch übrig ist. Jegliche Berichte, die sonst mit Erdbebenkatastrophen einhergehen - Tote, Zerstörung und Spendenaktionen -, sind nicht mehr von Interesse.
Tschernobyl? Das war vor 25 Jahren und in der Sowjetunion. Aber Japan? Ein Land, dessen Menschen als Erste überhaupt zu Hunderttausenden Opfer tödlicher Strahlung wurden. Ein Land, das sich von täglichen Nachbeben mit Stärken über 6 nicht aus der Fassung bringen lässt - in Europa würden sie zu Chaos und Tod führen. So ein Land muss doch so die Atomkraft im Griff haben?
Nein, hat es nicht! Zumindest das steht nach drei Wochen fest, ansonsten aber nichts. Und vor allem - und das ist das wirklich Erschreckende - weiß niemand, wie man auf die Havarie reagieren muss, um deren Auswirkungen möglichst gering zu halten. Bislang regiert nur Ohnmacht.
Das heißt aber auch: Niemand hat sich je einen Notfallplan für einen derartigen Störfall überlegt. Das betrifft nicht allein Tepco, den Betreiber des Schrott-AKWs. Nein, niemand nirgendwo auf der Welt. Nur deshalb sind nicht alle Sicherheitsexperten dieser Erde längst tätig geworden. Das reale Risiko wurde einfach verdrängt - dem Prinzip folgend: Was nicht sein darf, wird auch nicht sein. Weshalb sollte man sich also darauf vorbereiten? Verdrängung macht das Leben leichter - und in puncto Energieproduktion vielleicht auch vermeintlich billiger. Doch billig muss Japan jetzt teuer bezahlen. Denn Verdrängung ist nicht immer günstig.

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