- 30.03.2011, 10:44:28
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Biogetreide-Vermarktung: Bio-Landesverbände gehen eigene Wege
Bauern mit finanziellen Risken in Verbandsbeteiligungen - Konflikt NÖ- und Bundesverband
Wien (OTS/aiz.info) - Trotz einer weitgehenden inhaltlichen
Einigung kommt es wegen eines fehlenden Kompromisses bei "Fragen in
Richtung Struktur" nicht zu der erwarteten Kooperation bei der
Vermarktung der Biogetreideernte 2011 zwischen der RWA-Tochter BGA
Bio Getreide Austria GmbH und der BQG Bio-Qualitätsgetreide GmbH. Das
teilten die BQG-Mehrheitseigentümer, die Bio Austria-Landesverbände
Niederösterreich-Wien und Burgenland, kürzlich in einem Schreiben
ihren Mitgliedern mit. Einig ist man sich - quer durch übrigens
nahezu die gesamte Branche der Biogetreidevermarkter - dem Vernehmen
nach lediglich über einheitliche und effiziente Kontrollmechanismen
des Bio Austria-Qualitätsstandards. Nach diesem Standard bieten nun
beide Marktteilnehmer - BQG und BGA - den Landwirten die Vermarktung
von Biogetreide der Ernte 2011 an. Die Bioverbände haben zur
Durchsetzung ihrer Wünsche nach vermehrtem Mitsprache- und
Mitgestaltungs- sowie nach Kontrollrecht eine Beteiligung an der BGA
gefordert. BGA habe dies jedoch nur in Form eines Beirates angeboten,
weil das finanzielle Risiko und Kapitalerfordernis sowieso praktisch
weiterhin zur Gänze von RWA-Seite zu tragen gewesen wäre.
Die beiden Bio Austria-Landesverbände NÖ/Wien und Burgenland
beteiligten sich gegen Jahresende 2010 mit 51% an der BQG. Die
restlichen 49% sind im Besitz der agricultura Handel und PR GmbH von
BQG-Geschäftsführer und Gründer Engelbert Sperl. Die BQG war von
Sperl Mitte 2010 gegründet worden, nachdem die ebenfalls unter
Beteiligung der zwei Bio Austria-Landesverbände stehende
Österreichische Agentur für Biogetreide GmbH in arge finanzielle
Turbulenzen geraten war. Die Agentur hat bekanntlich kurz vor der
Ernte 2010 mitgeteilt, die vereinbarten Preise aus der Ernte 2009
nicht an die Biobauern auszahlen zu können.
Tagsatzung zu Agentur-Ausgleich: Schulden könnten noch höher und
Quote geringer sein
Die Agentur musste mittlerweile im März dieses Jahres mit EUR 3,9
Mio. Überschuldung beim Landesgericht Krems den Antrag auf
"Einleitung des Sanierungsverfahrens mit Eigenverwaltung" - früher
landläufig Ausgleich - unter Anbieten einer 30%igen Quote für die
Gläubiger einbringen. Allerdings scheint noch nicht sicher zu sein,
ob es bei diesem Überschuldungsstand bleibt beziehungsweise die
angebotene Quote von 30% eingehalten werden kann. Denn bei der
Gläubigerversammlung am Landesgericht Krems am 23.03., so ein
aiz.Info vorliegendes Protokoll, wurde deutlich, dass die Agentur
offene Forderungen von Landwirten aus der Vermarktung von
Futtergetreide nicht in ihre Außenstände eingerechnet hat und dafür
überhaupt keine Zahlungen leisten will. Die Agentur verweist dabei
auf die Lagerhäuser, indem sie meint, für Futtergetreide nur
Vermittler gewesen zu sein. Dagegen heißt es dort, RWA und
Lagerhäuser hätten das Futtergetreide zwar vorfinanziert,
Zahlungseingänge allerdings an die Agentur fakturiert. In diesem
Falle würden sich die offenen Forderungen an die Agentur weiter
deutlich erhöhen. Auch wurden bei der Gläubigerversammlung Fragen
aufgeworfen, wie etwa, ob die Agentur - auch schon aus der Ernte 2009
- Zahlungen an ihr nahestehende Personen beziehungsweise
Gesellschaften wie Funktionäre oder Gesellschafter geleistet habe,
konkret etwa, ob der Landwirt Andreas Kocourek - er ist gleichzeitig
Geschäftsführer der Agentur - und andere auch noch immer und in
welchem Ausmaß offene Forderungen an die Agentur hätten. Das heißt,
es geht darum, ob nicht einzelne Gläubiger bevorzugt behandelt
wurden.
Biobauern tragen über ihre Mitgliedsbeiträge finanzielle Risken in
Verbandsbeteiligungen
Wie es heißt, habe sich auch die BQG mit einer dünnen Kapitaldecke
schwer getan, die Finanzierung des von Landwirten an sie verkauften
Biogetreides aus der Ernte 2010 aufzutreiben und die entsprechenden
Zahlungen an die Biobauern termingerecht zu leisten.
Letztlich hafteten durch diese Konstellation laut
Wirtschaftsexperten die Biobauern selbst mit ihren Mitgliedsbeiträgen
für etwaige finanzielle Risken in den Beteiligungen ihrer
Landesverbände. Dies betreffe auch die Absicht der Agentur, die in
dem "Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung" angebotene Quote von
30%, zahlbar binnen zwei Jahren, durch eine Fortführung des
Unternehmens aufzubringen.
Agentur könnte Ausgleichsquote quasi von Biobauern selbst zahlen
lassen
Diese geplante Geschäftstätigkeit der Agentur soll vor allem durch
in der Erbringung von Dienstleistungen im Bereich Qualitätssicherung
für andere Vermarkter wie die BQG bestehen und Geld zur Bedienung der
Schulden an die Biobauern in die Kasse der Agentur spülen. Laut
Marktkennern habe sich die Agentur schon bisher ihre
"Dienstleistungen" von den Biobauern in Form von Abzügen von ihren
Getreidepreisen recht gut bezahlen lassen. In Zukunft bestehe die
realistische Aussicht, dass diese Dienstleistungen noch teurer würden
und die Biobauen künftig noch mehr von ihren Getreideerlösen für
"Dienstleistungen" der Agentur abgezogen bekämen. "Damit zahlen sich
die Biobauern ihre Ausgleichsquote quasi aus der eigenen Tasche", so
ein Experte.
Konflikte zwischen Bio-Landesverbänden und Bundesverband Bio Austria
Aber auch innerhalb der Bio-Verbände scheinen die Meinungen
geteilt zu sein. Während der Bundesverband Bio Austria bei der 2010
notwendig gewordenen Neuaufstellung der Biogetreidevermarktung
deutlich eine genossenschaftliche Konstruktion und Kooperation
bevorzugt hat, blieben die beiden im Bereich Ackerbau mächtigen
Landesverbände Niederösterreich-Wien und Burgenland auf der Schiene
der Vermarktung über Firmenkonstrukte mit Verbände-Beteiligung wie in
der Agentur für Biogetreide und der ihr nachfolgenden BQG. Diese
Meinungsverschiedenheiten wurden auch in der Öffentlichkeit
ausgetragen und scheinen darin zu gipfeln, dass zumindest der
Landesverband Niederösterreich-Wien bei der Generalversammlung des
Bio Austria-Verbandes im April dieses Jahres versuchen könnte,
Bundesobmann Rudi Vierbauch aus Kärnten durch einen
"Ackerbauvertreter" aus dem Osten abzulösen.
Landesversammlung von Bio Austria NÖ-Wien bricht Bundes-Obmanndebatte
vom Zaun
Die Weichen dafür versuchte die Verbandsführung von Bio Austria
Niederösterreich-Wien Mitte März bei der Landesversammlung in
Obergrafendorf zu stellen. Dort wurden laut Teilnehmern für etliche
überraschend zwei zuvor nicht auf der Tagesordnung stehende Anträge
in diese Richtung zur Abstimmung gebracht. Ein Antrag hatte zum
Inhalt, dass in der österreichischen Bioszene Ackerbauinteressen
nicht vertreten würden, und man deshalb beschließen solle, dass die
Ackerbauern im Bundesvorstand von Bio Austria mehr Gewicht erhalten.
Der zweite Antrag stellte explizit darauf ab, dass zur Stärkung der
niederösterreichischen Interessen Bundesobmann Vierbauch abgelöst
werden müsse und statt ihm ein Vertreter aus dem Osten -
offensichtlich, obwohl selbst auch nicht Ackerbauer, der
niederösterreichische Verbandsobmann Karl Erlach - zum Bundesobmann
gekürt werden solle.
Umstrittene Vorgangsweise um Antragsstellungen und
Abstimmungsergebnisse
Teilnehmer der Landesversammlung berichten weiters, dass sowohl
das Einbringen der Anträge außerhalb der Tagesordnung als auch die
Interpretation der Abstimmungsergebnisse für Diskussion gesorgt
hätten. Demnach hätten überhaupt nur zwischen 55 und 60
stimmberechtigte Mitglieder von - so der Obmann-Bericht - knapp 3.500
Mitgliedsbetrieben an der Versammlung teilgenommen und davon gut 20
für den Antrag zur Stärkung der Interessen des Ackerbaus im
Bundesverband und bei 18 Stimmenthaltungen und 5 Gegenstimmen auch
nur 20 für den Antrag gestimmt, Vierbauch im Bundesverband durch
einen Ackerbauvertreter aus dem Osten abzulösen. Erst nach massiven
Einwänden von Teilnehmern habe Sitzungsleiter Erlach seine
ursprüngliche Aussage, dass der zweite Antrag angenommen sei,
revidiert und festgestellt, dass ihm nicht zugestimmt worden sei.
Biobauern fragen: Obmanndebatte mit Votum von 20 der 3.500 Mitglieder
im Rücken?
Übrigens seien zur Verwunderung von interessierten
Landesversammlungsteilnehmern in den Berichten - unter anderem in dem
des Obmannes - die Probleme bei der Vermarktung von Biogetreide und
die finanziellen Risken in den Firmen mit Beteiligungen des Verbandes
"praktisch nur in einem Nebensatz" gestreift worden.
Niederösterreichische Biobauern zeigen sich nun in der Folge des
Landesverbandstages gespannt, wie ihre Verbandsvertreter, "gestärkt
durch ein basisdemokratisches Votum von 20 der 3.500 Mitglieder" - so
ein Biolandwirt - auf dem Ende April anberaumten Bundesverbandstag
von Bio Austria eine Obmanndebatte vom Zaun brechen werden.
(Schluss) pos
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