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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Atom Heart Mother"
Ausgabe vom 23. März 2011
Wien (OTS) - Gefährlich an Atomkraftwerken ist ihre Sicherheit.
"Die Reaktoren sind sicher", ist überall in der EU zu hören. Dass der
japanische Betreiber Tepco nicht weiß, warum Rauch aus zwei
beschädigten Reaktoren aufsteigt, und dass es vor dem Tsunami Mängel
am Kühlsystem gab, stützt diese These eher nicht. Sie stützt aber die
Befürchtung, dass die Aufsichtsbehörden auf Angaben der
Kraftwerksbetreiber angewiesen sind. Und die definieren "Sicherheit"
halt anders als die Öffentlichkeit.
Ein unauflöslicher Widerspruch: Kernenergie verlangt 100-prozentige
Sicherheit. Die gibt es aber nicht. Nirgends.
Dieses "Restrisiko" wird nun von Atomkraftwerks-Betreibern in Form
von finanziellen Rücklagen "abgebildet", wie es so schön heißt. Bei
dieser Kostenwahrheit wird allerdings gelogen, dass sich die Balken
biegen. Sie sind viel zu niedrig. Um Atomstrom billig zu halten,
trägt die öffentliche Hand den Großteil des Risikos. Die Endlagerung
von Brennstäben ist auch technisch ungelöst.
Fazit: Atomenergie wäre - unter Einrechnung aller tatsächlichen
Kosten - das Gegenteil von billig. Nun stellt sich folgende Frage:
Welcher Strompreis ist für Haushalte zumutbar und welcher Strompreis
gefährdet die industrielle Entwicklung nicht? Diese Frage ist auf
Basis der jetzigen Kalkulationen nicht zu beantworten, das benötigt
eine Kehrtwende, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Das atomare
Herz pocht in der chinesischen Wirtschaft, es pocht besonders laut in
Frankreich. Dies zu ändern wird besonders schwierig.
Doch dieselben Energiekonzerne, die Atomkraftwerke betreiben, sind
auch die großen Händler an den sogenannten Strombörsen. Mit der
Abschaltung von deutschen Kernreaktoren ging schon ein
Strompreisanstieg auf diesen "Börsen" einher.
Wenn sich die Welt schon nicht morgen darauf verständigen kann, aus
der Nuklearenergie auszusteigen, so könnte die Politik doch diesem
unverfrorenen Treiben ein Ende setzen. Die Strombörsen sollten
einfach vom finanziellen Netz gehen. Denn mit diesem Vehikel wird nur
dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit nicht nur für Strahlenschäden
aufkommen muss, sondern auch noch Gewinne für die Konzerne daraus
finanziert.
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