- 09.03.2011, 13:44:59
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"Auge Gottes" fällt Constantin zum Opfer
Ein Kommentar zur Schließung des Wiener Kinos "Auge Gottes" von Peter Zawrel, Geschäftsführer des Filmfonds Wien und ehemaligem Vorsitzenden der Wiener Kinokommission
Wien (OTS) - Der österreichische Kinomarktführer Constantin
(Marktanteil 2006: 33 %, seitdem gestiegen) schließt ein veraltetes
Wiener Fünfsaalkino mit 775 Sitzplätzen (von derzeit ca 40.000
Sitzplätzen der gesamten Constantin-Gruppe) aus
betriebswirtschaftlichen Gründen und versucht der Öffentlichkeit
einzureden, dass die "unzureichende Kinoförderung" der Stadt Wien
diese Kinoschließung "erzwingen" würde.
Vor rund einem Jahr meinte die Constantin, sich die Sanierung des
Tuchlauben-Kinos nicht leisten zu können, die nötig wäre, wenn es
Bestandteil des Luxustempels werden soll, den der Tiroler
Immobilieninvestor René Benko dort hochzieht. Das "Tuchlauben" wurde
geschlossen, obwohl die Constantin für die Positionierung ihrer
Innenstadtkinos (Actor's, Artis, Tuchlauben) von der Stadt Wien
Förderungen erhielt - so wie früher schon das Atelier auf der
Wollzeile geschlossen wurde.
Lange Zeit wurde vom "Kinosterben" gesprochen. Die biologistische
Metapher suggerierte, dass Kinos kommen und gehen wie der Wald und
wir alle daran schuld sind. Somit hilft nur noch die Förderung durch
die öffentliche Hand. Im besten Fall dient diese einer nachhaltigen
Entwicklung einzelner Standorte (in Wien vor allem: Gartenbaukino,
Stadtkino und einzelne Arthouse-Kinos), im schlechtesten Fall einer
künstlichen Lebensverlängerung oder gar Sterbehilfe.
Dass die Constantin das "Auge Gottes" sperren wird, war schon seit
Jahren klar. Die einzige Alternative wäre eine Kehrtwende in der
Programmierung, verbunden mit einer gestalterischen Durchlüftung
gewesen. Säle mit Leinwänden von 10 und 12 Quadratmetern ("Auge
Gottes", Saal C + E) am Leben zu erhalten, muss als Liebhaberei
betrachtet werden, die sich auch die öffentliche Hand nicht leisten
kann. Aber selbst wenn das leistbar wäre: Wie soll das "Auge"
überleben, wenn dort z.B. heute neun Filme gezeigt werden, von denen
acht in der fünf U-Bahn-Minuten entfernten UCI Kinowelt Millenium
City gezeigt werden? Nur digital, in 3D und in einem weitaus cooleren
Ambiente? Und was, bitteschön, hat das mit einer Wiener Kinoförderung
zu tun?
Halten wir doch einfach fest:
1. Das von der Constantin inkriminierte "Füllhorn", das die Stadt
Wien über dem Gartenbaukino und anderen förderungswürdigen
Lichtspieltheatern ausschüttet, kann gar nicht gut genug gefüllt
sein.
2. Solange Kinoförderung nicht mit Auflagen und mittelfristigen
Verpflichtungen verknüpft ist, die auf eine Nachhaltigkeit abzielen,
werden weiterhin Kinos zugesperrt werden - egal ob aus
betriebswirtschaftlichen Überlegungen eines Verleih- und
Kino-Konzerns wie der Constantin oder aus unternehmerischem
Unvermögen eines Einzelnen.
Das Grundproblem besteht darin, dass nicht nur die Herstellung,
sondern auch die Verwertung von Filmen in ganz Europa mit
beträchtlichen öffentlichen Mitteln ermöglicht wird (ohne die es gar
keinen europäischen Film mehr gäbe), ohne dass aber der
privatwirtschaftlich strukturierte Kinomarkt reguliert werden kann.
Auch die Constantin hat 2010 vom MEDIA-Programm der EU mehr als
300.000 Euro Verleihförderung und zusätzliche Kinoförderung für drei
Wiener Standorte erhalten - aber das hindert sie nicht daran, diesen
geförderten Markt weiter zu verknappen.
Nicht die unzureichende Kinoförderung erzwingt die Schließung des
"Auge Gottes"-Kinos, sondern das unternehmerische Kalkül der
Constantin.
Dr. Peter Zawrel, Geschäftsführer des Filmfonds Wien, war als
ehemaliger Vorsitzender der Wiener Kinokommission und Mitglied der
Wiener Kinojury maßgeblich an der Einrichtung einer zeitgemäßen
Wiener Kinoförderung beteiligt.
Rückfragehinweis:
Mag. Stefan Hahn
Public Relations
mailto:[email protected]
Tel.: +43 1 526 50 88-11
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