• 23.02.2011, 18:30:10
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Gaddafi hat verloren" von Gudrun Harrer

Noch hat der libysche Noch-Staatschef genug Mittel, um Terror zu verbreiten (Ausgabe ET 24.02.2011)

Wien (OTS) - Das Regime von Muammar al-Gaddafi hat die Kontrolle
über Libyen verloren, und kein Zweifel, sein Ende naht. Was Gaddafi
jedoch kontrolliert, genügt noch immer, um den Kampf lang und blutig
zu machen. Wenn nicht der - nicht unwahrscheinliche - Fall eintritt,
dass sich auch die Seinen gegen ihn richten.

Aber noch schien sich zu Wochenmitte die jahrelange Paranoia-Politik
Gaddafis - zynisch ausgedrückt - zu rentieren, die wichtigsten
Sicherheitsposten nur mit eigenen Leuten zu besetzen: seiner Familie,
des Clans, des Qadadfa-Stammes, den er mit seinem Aufstieg aus der
Bedeutungslosigkeit geholt hat. Sie sind der engste Kreis um ihn
herum. Der äußere wird von den notorischen Spezialtruppen gezogen,
die alle Herrscher haben, die der normalen Armee nicht trauen.

Und auf den Straßen agieren die Söldner, nach Berichten oft
schwarzafrikanische - wobei immer dazugesagt werden muss, dass keine
Information als gesichert gelten darf -, die keinerlei Skrupel haben
sollen, Demonstranten und alles, was sie dazu erklären,
niederzumetzeln. Angst und Schrecken zu verbreiten ist Teil ihrer
Strategie, da geht es nicht nur um die militärische Niederschlagung
eines Aufstands. Sie werden dafür bezahlt. Und das Geld wird Gaddafi
nicht so schnell ausgehen.

Das ist das schlimmste Szenario: dass der libysche Machthaber, an
dessen eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit seine TV-Auftritte keine
Zweifel ließen, wie angekündigt ausharrt - und erst in einer
Blutorgie untergeht. Man kann nicht umhin, an Gaddafis vergangene
Massenvernichtungswaffenprogramme - allen voran das weit
fortgeschrittene chemische - zu denken. Hoffentlich ist die Abrüstung
so komplett, wie von der US-Regierung George W. Bushs damals
bejubelt, und hoffentlich haben jene, die bis zum letzten Moment
loyal bleiben, keinen Zugriff, falls es doch Reste gibt.

Während im Westen des Landes, besonders in Tripolis und Umgebung, die
Menschen um ihr Leben bangen, ist der Osten Libyens offenbar schon
völlig befreit. Wieder einmal ging die Bewegung geografisch von der
Cyrenaika aus, der östlichen Region mit der Küstenstadt Bengasi, wo
der libysche Volksheld Omar al-Mukhtar in den 1920ern seinen Kampf
gegen die Italiener führte. Nachdem Gaddafi in den Jahrzehnten nach
seiner Machtergreifung seine Patronagezentren immer mehr im Westen
konzentriert hatte, wurde die Frustration im Osten ständig größer.
Aber nicht nur Stämme von dort haben sich gegen ihn gewandt. Gaddafi
hat Libyen verloren.

Wenn Gaddafis Sohn Saif al-Islam - von dem der Lack des aufgeklärten
Humanismus, den seine Freunde hierzulande so gerne bei ihm sahen,
längst ab ist - vor einem "Bürgerkrieg" warnt, dann ist das eher eine
Drohung damit, dass Regimereste bis zum letzten Moment Terror
stiften wollen. Dazu gehört natürlich auch die Verschwörungstheorie,
dass der Westen den Aufstand in Libyen angezettelt habe, um das Land
zu zerschlagen und sich das Öl unter den Nagel zu reißen.

Dass diese Behauptung imperialistischer und rassistischer ist als
alles, was dem Westen einfallen könnte - etwa die "Besetzung Libyens
durch die Nato", vor der Fidel Castro warnt -, darauf kommen die
Verschwörungstheoretiker nicht: Sie negieren, dass die Libyer und
Libyerinnen das Recht und den eigenen Willen haben, ihre Würde durch
die Beseitigung eines unwürdigen Regime wiederzuerlangen.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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