• 21.02.2011, 18:30:11
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Schade um Karl-Heinz Grasser - von Wolfgang Unterhuber

Ist sich Grasser bewusst, dass er moralisch erledigt ist?

Wien (OTS) - Nein: Der Titel ist keine raffinierte Ironie - er ist
ernst gemeint. Es ist wirklich schade um den ehemaligen
Finanzminister. Karl-Heinz Grasser war mit Sicherheit ein politisches
Talent und hätte ohne Zweifel Großes für dieses Land bewegen können.
Aber irgendwann begann er abzudriften. Die Mühsal der Ebene wurde ihm
offenkundig zu langweilig. Der Glanz, der Ruhm, sein Aufstieg in den
Jetset und die Schmeicheleinheiten der Medien verdrehten ihm
schlichtweg den Kopf.

In seinen besten Tagen verkörperte Grasser eine Botschaft, die in
diesem Land der ewigen Reichsbedenkenträger einfach erfrischend war:
"Anything goes", schien sein Credo zu sein. Heute besteht der große
Verdacht, dass dieses "Anything goes" nur für ihn selbst und seine
Freunde Gültigkeit hatte. Abseits juristischer Erhebungen, die (wie
der "ORF Report" vor einer Woche zeigte) durchaus auf Hochtouren
laufen, stellen sich hier einige Fragen.

Erstens: Wann wurde Karl-Heinz Grasser von der Gier gepackt? Wollte
er einfach "nur" reich werden? Oder wollte er, wie sein prominenter
Vorgänger Hannes Androsch (der, zur Erinnerung, politisch über eine
Steuersache stolperte), auch ein erfolgreicher Unternehmer und
"Experte für alles" werden? Zweitens stellt sich die Frage, ob
Karl-Heinz Grasser überhaupt noch den Überblick hat? Es gibt wohl
kaum einen anderen Bürger in diesem Land, der derzeit mutmaßlich von
so vielen Affären und Skandalen betroffen ist.

Drittens: Hätten seine Freunde und Weggesellen auch so tolle
Beratungsaufträge erhalten, wenn er nicht Finanzminister gewesen
wäre? Oder gab es da tatsächlich eine Art Masterplan, so nach dem
Motto: "Bereichern wir uns ein bisserl?"

Viertens: Warum konstruiert jemand ein verwinkeltes und verzwicktes
Firmenkonstrukt aus Stiftungen und Briefkastenfirmen von
Liechtenstein bis in die Karibik? Ohne Herrn Grasser hier etwas
unterstellen zu wollen: Für gewöhnlich tut dies jemand nicht, um zu
Hause ein schönes Firmenreich herzeigen zu können, sondern zwecks
"Steueroptimierung", wie es so schön heißt, und vor allem, weil er
etwas zu verbergen hat (siehe dazu auch Artikel auf Seite 2).

Fünftens: Ist sich Karl-Heinz Grasser überhaupt bewusst, dass er
moralisch erledigt ist? Denn wer einst vorgab, die Interessen der
kleinen Leute zu vertreten - und das supersauber -, der muss an sich
selbst höchste moralische Ansprüche stellen. Grasser hat nicht nur
vergessen, Steuern zu zahlen, sondern auch auf die Moral. Und die
kann man nicht nachzahlen.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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