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"Die Presse" Leitartikel: Die Bürokratiereform der "Übergangsregierung", von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 19.01.2011
Wien (OTS) - Das neue Konzept zur Steuerung des Uni-Zugangs zeigt,
wie kreativ die Regierung ist, wenn es darum geht, ein
leistungsorientiertes Hochschulsystem zu verhindern.
Mit der neuen Regelung des Uni-Zugangs hat die Regierung Mut
bewiesen. Zwar nicht inhaltlich, aber zumindest bei der Präsentation
des Konzepts: Die Ministerinnen Beatrix Karl und Claudia Schmied
traten am Dienstag fröhlich vor die Medien und nannten das neue
Konzept ganz offenherzig eine "Übergangslösung". Das beschreibt nicht
nur den Inhalt des Papiers, sondern auch die Qualität der gesamten
Bundesregierung ganz gut, die sich seit geraumer Zeit in ihren
Entscheidungen so präsentiert, als sei sie selbst nicht mehr als eine
Übergangslösung.
Die Verhaltensmuster, die beim Uni-Zugang zum Tragen kommen, sind
bestens bekannt: Nachdem bei der Budgetklausur in Loipersdorf rasch
eine Einigung aus dem Boden gestampft wurde, hat die Regierung die
Angst vor der eigenen Courage gepackt. Und sich nach großem
innerkoalitionären Theater um unterschiedliche Gesetzesentwürfe
wieder von jeder verbindlichen Beschränkung des heimischen
Uni-Zugangs verabschiedet. Statt Lösungen zu präsentieren, wird
wieder ein Thema auf die lange Bank geschoben. Das vorliegende
Minimalmodell ist kein Konzept für eine qualitätsvolle Zukunft des
Uni-Systems, sondern schreibt die Probleme fort.
Welcher der drei Eckpunkte des Konzepts der wertloseste ist, lässt
sich kaum sagen. Zu hoffen, dass einige deutsche Studierende die
künftig erforderliche Online-Voranmeldung verschlafen und sich selbst
aus dem Rennen nehmen, zeugt jedenfalls nicht nur von einem
eigenartigen Studentenbild, das in den Schreibstuben des Ministeriums
vorherrschen dürfte. Es veranschaulicht auch, wie kreativ die
Koalition werden kann, wenn es darum geht zu verhindern, dass im
Bildungssystem nach Leistung differenziert wird.
Wer es auch noch schafft, die verpflichtende Studienwahlberatung in
der Schule zu absolvieren, hat jedenfalls weiter Chancen auf einen
Studienplatz. Dass die Studienberatung, die skurrile Programme wie
den "Studienchecker" oder einen Kurzbesuch der Österreichischen
Hochschülerschaft beinhaltet, weder qualitätsvoll noch bundesweit
ausgebaut ist, scheint in den Bildungsministerien niemanden zu
stören. Macht aber auch nichts - das Ergebnis der Beratung ist für
die Inskription für eine bestimmte Studienrichtung ohnehin nicht
bindend.
Für die Unis, die all das koordinieren und überprüfen müssen,
bedeutet das noch mehr Bürokratie. Das passt ins Bild. Denn auch die
Studieneingangsphase ist zur Bürokratiephase verkommen. Irgendwann
einmal hieß sie "Orientierungsphase". Und sollte - ohne Zugangshürden
- den Studieneinstieg erleichtern. Nachdem dieses Konzept im Herbst
über Nacht über Bord geworfen worden war, stand die Selektion im
Vordergrund. Jetzt ist nicht einmal mehr das der Fall: Die
Möglichkeit, Platzbeschränkungen samt transparenten Aufnahmeprüfungen
einzurichten, um den Kapazitätsengpässen entgegenzuwirken, gesteht
die Koalition den Unis nicht zu. Dass die SPÖ das als Erfolg für sich
reklamiert, zeigt, wie wenig sie von einem wettbewerbsfähigen
Uni-System verstanden hat.
Die Rektoren haben zwei Möglichkeiten: Entweder nehmen sie weiterhin
mehr Studierende auf, als sie betreuen können, und lassen diese im
Schlafsack vor den überfüllten Hörsälen nächtigen, bis ihnen
irgendwann das Geld oder die Lust ausgeht. Oder sie arbeiten
verstärkt mit willkürlich gewählten, intransparenten
Knock-out-Prüfungen, um auf eigene Faust auszusieben. Und wer hier
durchfällt, tut das nicht (nur), weil er nicht geeignet ist, sondern
vor allem, weil die Unis keinen Platz für ihn haben.
Von einer Studienplatzfinanzierung samt Kostenwahrheit und
Kapazitätsbeschränkungen hat sich die Regierung offenbar
verabschiedet. Genau das ist es aber, was die Unis benötigen:
Mithilfe eines intelligenten Finanzierungs-Mix aus öffentlichen und
privaten Mitteln müssen die Budgets erhöht werden, um so vielen wie
möglich - und nötig - ihr Wunschstudium zu ermöglichen.
Aufgenommen werden müssen dabei die Bestqualifizierten. Und nicht
jene, die sich artig von der ÖH ein Schreiben abgeholt und
zeitgerecht im Sommer ihren Computer eingeschaltet haben. So viel
Wettbewerbsdenken sollte der Regierung wie auch den angehenden
Studenten zuzutrauen sein.
Rückfragehinweis:
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