• 18.01.2011, 17:00:19
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Ohne Euro geht es nicht"

Ausgabe vom 19. Jänner 2011

Wien (OTS) - Dass die europäischen Finanzminister derzeit auf ganz
cool machen, verdanken sie einer Erkenntnis, deren Ergründer noch
unbekannt ist: Ohne Europa geht es nicht. Wenn "die Märkte" die
Eurozone sturmreif schießen, schaden sie sich selber. Denn "die
Märkte", das sind Banken, Versicherungen, private und staatliche
Fonds. Die wollen mit dem kaufkräftigsten Wirtschaftsraum auch
künftig Geschäfte machen. Sinkt in Europa die Wirtschaftsleistung,
geht es mit der Weltkonjunktur abwärts.

Dass Chinas Präsident Hu Jintao gerade US-Präsident Barack Obama
besucht, fällt zeitlich auch günstig. Der starke Mann aus Peking hat
im Vorfeld des Staatsbesuchs die Hegemonialmacht des US-Dollar als
"Produkt der Vergangenheit" bezeichnet. Ohne Euro wird es aber nicht
gelingen, diese Vorherrschaft zu brechen. China hat also ein
wirtschafts- und finanzpolitisches Interesse an einem stärkeren
Europa. Auch Russlands Staatsfonds hat am Tag des
EU-Finanzministertreffens bekannt gegeben, Euro-Anleihen zu kaufen.
Statt die Märkte mit immer noch unvorstellbareren Summen für den
Rettungsschirm zu beruhigen, versuchen die Finanzminister nun, sie
mit ihrer eigenen - und unberechenbarsten - Waffe zu schlagen: der
Psychologie. Das ist keine blöde Idee, denn die 27 EU-Länder zu einer
offiziellen Verdoppelung des Euro-Schirms zu bewegen, wäre eh eine
Sisyphos-Arbeit. Sollte das Kalkül fürs Erste aufgehen, bestünde aber
die dringende Gefahr, dass die EU-Regierungen auf ihren eigenen
Schmäh hereinfallen und meinen, es sei jetzt eh alles Ordnung.

Ist es aber nicht. Griechenland, Irland und Portugal werden eine
Umschuldung benötigen, auf die Menschen dort warten noch viele magere
Jahre. Die beste Lösung wären immer noch eine harmonisierte
Wirtschaftspolitik in der EU und eine einheitliche Finanzierung der
gesamten EU-Schuld (Stichwort: Eurobonds). Dies ist mit Psycho-Tricks
nicht zu erreichen, dazu bedarf es eines deutlichen politischen
Willens, der derzeit freilich nicht zu sehen ist. Die Regierungschefs
sollten vor ihrem Gipfel im März viel mit den Bankern sprechen. Die
haben in ihren "Preisen" für die Anleihen dieser Länder durchwegs
schon einen Ausfall einkalkuliert, zwischen 20 und 30 Prozent. Denn
die Banken wissen auch: Ohne Europa geht es nicht im internationalen
Geschäft.

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at

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