- 01.12.2010, 10:37:55
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Schelling fordert Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem: Einheitliche Gesundheitsziele, mehr Qualitätskontrolle und Prävention
Konsens bei Veranstaltung "Großbaustelle Gesundheitsreform": Effizienz im Gesundheitswesen muss gesteigert werden, um Qualität längerfristig zu sichern
Wien (OTS/PWK) - Die Ausgaben für Spitäler stiegen zuletzt um
vier Prozent pro Jahr und das bei einem durchschnittlichen jährlichen
Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. Darüber dass etwas geschehen
muss, waren sich alle Teilnehmer der Veranstaltung der Plattform
Gesundheitswirtschaft Österreich "Großbaustelle Gesundheitsreform:
Einheitliche Steuerung und Planung vs. föderale Zersplitterung?"
gestern Abend, Dienstag, einig: Effizienzsteigerungen im
Gesundheitswesen seien notwendig, um die Qualität längerfristig zu
gewährleisten. Doch über die Rezeptur gab es unterschiedliche
Auffassungen.
Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und
Gesundheit in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und Mitbegründer
der Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich betonte, dass eine
Gesundheitsreform "Miteinander statt gegeneinander" erfolgen müssen:
"Viele Jahre ging in diesem Bereich nichts weiter. Doch jetzt ist ein
Fenster offen, um vieles zum Besseren zu bewegen. Nützen wir es!"
"Ab 2020, also in nicht einmal zehn Jahren, sinkt die Zahl der
Beitragszahler, gleichzeitig steigen die Kosten im Gesundheitssystem
durch eine ältere Bevölkerung massiv an", ortet Thomas Czypionka,
Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS), dringenden
Handlungsbedarf. Er analysierte: "Österreichs Gesundheitssystem weist
einen hohen Föderalismusgrad auf, hat aber keine Rechtfertigung
dafür." Die Schweiz hätte beispielsweise einen Föderalismus, der
Qualitäts- und Kostenwettbewerb unter den Kantonen fördere. Der
internationale Trend gehe in Richtung einer Kombination von
Zentralisierung und Dezentralisierung: Die Aufgaben werden zentral
einheitlich vergeben und von dezentralen Einheiten ausgeführt.
Wesentlich sei ein zentrales Controlling. Positives Beispiel sei
Belgien, das trotz drei Sprachgruppen, ein zentral gesteuerten
Gesundheitswesen betreibt.
Hans-Jörg Schelling, Vorsitzender des Hauptverbandes der
Österreichischen Sozialversicherungsträger und WKÖ-Vizepräsident,
warb für seinen kürzlich präsentierten Masterplan Gesundheit: "Wir
brauchen einen Paradigmenwechsel mit klaren, einfach
nachvollziehbaren und österreichweit einheitlichen Zielsetzungen.
Planung und Steuerung sollte auf österreichischer Ebene erfolgen. Das
muss aber nicht zwangsläufig der Bund sein. Hier kann auch der
Hauptverband seinen Beitrag leisten." Darüber hinaus will Schelling
die Eigenverantwortung der Patienten stärken: "Jeder muss seinen
Beitrag zur eigenen Gesundheit leisten." Schelling warnte auch davor,
das Pferd von hinten aufzuzäumen: "Wir müssen uns zuerst auf eine
Strategie verständigen. Hier haben wir mit dem Masterplan eine gute
Diskussionsgrundlage geschaffen. Dieser Strategie müssen wir unsere
Strukturen unterordnen - und nicht umgekehrt." Eine weitere Wende sei
weg von der Reparatur der Krankheit hin zu mehr Prävention gefordert.
So gehe es nicht nur darum die Kosten zu dämpfen, sondern generell
das System zu verbessern: "Wir müssen die Effizienzspotenziale heben
und diese in den Ausbau von Prävention und Gesundheitsförderung
investieren." Last but not least müsse die Qualität bzw. die
Ergebnisqualität im heimischen Gesundheitssystem endlich messbar
gemacht werden.
Sonja Wehsely, Stadträtin für Gesundheit und Soziales, machte sich
für das Ansinnen von Gesundheitsminister Alois Stöger für ein
bundeseinheitliches Krankenanstaltengesetz stark, "dessen Vollziehung
die Länder bewerkstelligen". "Veränderungen im Gesundheitssystem sind
notwendig. Spitäler in größere betriebswirtschaftlich sinnvolle
Einheiten zu bündeln ist sinnvoll. Wir müssen die Effizienz im System
steigern, um die Qualität für die Patienten längerfristig zu
gewährleisten." Eine Umwandlung von Akut- zu Pflegebetten sieht
Wehsely jedoch skeptisch, da dies baulich schwer möglich sei.
Arno Melitopulos von der Gesundheit Österreich GmbH kritisierte
die Vielzahl an Arbeitsgruppen und Kommissionen bei der Reform des
Gesundheitssystem und regte an: "Wir sollten unsere Energie auf
konkrete Maßnahmen des Masterplans konzentrieren und diese zügig
umsetzen."
Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, zeigte sich,
ob der zahlreichen Reformversuche der vergangenen Jahre ernüchtert:
"Eine genaue Planung ist nicht der Hebel, um effizienter zu werden.
Wir brauchen den Patienten als Verbündeten gegen hohe Kosten und
geringe Qualität." Daher müssen Informationen über Leistungen,
Qualität und Kosten transparenter werden: "Wir dürfen unseren
Patienten nicht vorenthalten, was unsere Leistungen kosten".
Julian M. Hadschieff, Sprecher der Plattform Gesundheitswirtschaft
Österreich, schlug in dieselbe Kerbe: "Transparenz ist die Triebfeder
für Veränderung. Wir müssen den Patienten stärker einbinden und ihm
auch mehr Eigenverantwortung übertragen. Das erzeugt auch eine
stärkere Solidarität im System." Hadschieff forderte einen
verstärkten Qualitätswettbewerb im Sinne des Patienten und einen
Abbau von Bürokratismus: "Alle Stakeholder im Gesundheitssystem
müssen für einheitliche Gesundheitsziele zusammenarbeiten. Dafür sind
faire Wettbewerbsbedingungen noch zu schaffen." (AC)
Rückfragehinweis:
Wirtschaftskammer Österreich
Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit
Dr. Dietmar Schuster MBA
Tel.: +43 (0)5 90 900 3714
E-Mail: [email protected]
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