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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Der Euro im Winter"
Ausgabe vom 24. November 2010
Wien (OTS) - Es wird kalt, nicht nur der Jahreszeit entsprechend.
Der Euro muss sich warm anziehen, die Irland-Rettung ist - als
generelle Entlastung der Euro-Zone gedacht - danebengegangen. Die
Verantwortung dafür trägt eine engstirnig agierende Regierung in
Dublin. Die Äußerungen von Deutschlands Bundeskanzlerin Merkel davor
sind auch nicht gerade hilfreich gewesen. Das Timing war nur für die
deutsche Regierung gut, für Europa nicht. Nun steht der Euro an der
Kippe, auch wenn dies von den Finanzministern und Notenbank-Chefs
entweder negiert oder schöngeredet wird. Ratlosigkeit macht sich
langsam breit, doch diese soll niemand bemerken.
In Wahrheit geht es bei der ganzen Sache - immer noch - um die
Rettung der Banken. Das Irland-Paket wurde durchgezogen, um riesige
Ausfälle bei den britischen, deutschen und schwedischen
Finanzinstituten zu vermeiden.
Die Politik wäre daher gut beraten, die Banken schon jetzt in die
Pflicht zu nehmen. Sie sind es, die sich untereinander schon kein
Geld mehr borgen, oder nur zu horrenden Zinsen. Es sind viele
internationale Banken, die eine laxe Aufsicht und niedrige Steuern in
Irland für riesige Transaktionen genutzt haben. Nun stecken sie auf
der Insel fest. Würden die europäischen und amerikanischen Banken das
Geld aus Irland abziehen, würde das Finanz-System dort
zusammenkrachen und die Schockwellen durch ganz Europa schicken.
Die Lage heute in Europa ist - man muss das leider sagen - brisanter
als 2008. Denn zwei Jahre später sitzen die Staaten auf hohen
Defiziten, die zu finanzieren immer schwieriger wird. Noch mehr
Schulden aufzunehmen, das wird nicht funktionieren. In den USA, die
in einer ähnlichen Situation sind, hat die dortige Notenbank alle
Schleusen geöffnet und 900 Milliarden Dollar in den Markt gepumpt.
Die Europäische Zentralbank hat dies bisher nicht so deutlich getan,
es könnte ihr bald blühen - selbst wenn die EZB nicht will.
Ob es sich lohnt, sehenden Auges noch mehr Geld in ein System zu
stecken, das sich offenkundig nicht retten lassen will, ist die
Frage. Sie muss letztendlich von Politikern beantwortet werden. Wenn
die allerdings von der Qualität des irischen Regierungschefs sind,
dann gute Nacht, Europa.
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