• 17.11.2010, 18:11:13
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Dilettantismus statt Strategie" von Alexandra Föderl-Schmid

Ministerin Karls Sparprogramm demontiert den Forschungsstandort Österreich - Ausgabe vom 18.11.2010

Wien (OTS) - Bevor Beatrix Karl Ministerin wurde, war die
ÖVP-Politikerin Wissenschafterin. Als solche weiß sie, dass eine
gründliche Evaluierung zum Handwerk gehört. Als Politiker hat sie das
offensichtlich vergessen: Denn der Rotstift bei der Basisfinanzierung
für außeruniversitäre Forschungsinstitute ist willkürlich und ohne
Evaluierung angesetzt worden. Zu den Kriterien gehörte offenkundig
die Einschätzung, welche Institute sich am wenigsten aufregen dürften
oder keine so prominenten Fürsprecher wie Raiffeisen-Boss Christian
Konrad haben, der als Präsident der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft
einen Schutzschild bildet.
Es gab keine "fundierte Gesamterhebung", obwohl dies die
Forschungsstrategie des Ministeriums für die außeruniversitären
Institute eigentlich vorsieht, der Wissenschaftsrat verlangt - und
von jedem Forscher selbstverständlich gefordert und erwartet wird.
Häufig hätte auch ein Blick auf die Homepage diverser Institute
genügt, was diese Institutionen für das Geistesleben dieses Landes
leisten, indem sie etwa Menschen in das kleine Land Österreich
bringen, die den Horizont erweitern und so gegen Provinzialisierung
wirken. Oder die in Osteuropa wichtige Projektarbeit leisten.
Schon bei einer sehr groben Durchsicht hätte sich Spreu vom Weizen
getrennt. Denn es gibt einzelne Institute, deren Existenz einem
politischen Fürsprecher zu verdanken ist oder in die Versorgungsfälle
abgeschoben wurden. Bei manchen, die im Zuge der Recherchen vom
Standard wiederholt kontaktiert wurden, meldete sich niemand. Aber
all das rechtfertigt den Kahlschlag nicht.
Es ist auch ganz offensichtlich, dass vor allem Institute, die sich
mit geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Inhalten
beschäftigen, betroffen sind. An den Naturwissenschaften hat die
Wirtschaft ein stärkeres Interesse. Aber es ist ein Armutszeugnis für
eine Wissensgesellschaft und eine Kulturnation wie Österreich, wenn
Forschung nur danach gemessen wird, ob sie sich "rentiert", und
Geistes- und Naturwissenschaften gegeneinander ausgespielt werden.
Es herrscht ein völliges Wirrwarr, wie viel nun wirklich eingespart
werden soll: Kumuliert sind es laut Budgetvoranschlag 28 Millionen
Euro, die das Wissenschaftsministerium bis 2014 streichen will. Wie
viel es nun wirklich sind, wenn das von Karl überraschend
präsentierte Drei-Säulen-Modell realisiert wird, wissen nicht einmal
Ministerialbeamte. Hier wurde als Reaktion auf Proteste einfach ein
Modell aus dem Hut gezaubert, das in der Umsetzung Probleme aufwirft:
Ein Institut an eine Uni an einem anderen Standort anzudocken, führt
zu mehr Aufwand und höheren Kosten. Ob bisher autonom arbeitende
Institute als Appendix etwa der Akademie der Wissenschaften wie
bisher arbeiten können, weiß niemand.
Außerdem sollen Institute und Unis gegeneinander ausgespielt werden,
weil Mittel für diese Neuordnung von den 80 Millionen Euro abgezweigt
werden sollen, die den Universitäten versprochen wurden.
Das ist Flickschusterei, Dilettantismus und keine Strategie. Andere
Staaten werden sich über diese Selbstdemontage des
Wissenschaftsstandortes Österreich freuen: Denn die EU-Ko-Förderung
für die von den Streichungen betroffenen Institute macht mindestens
hundert Millionen Euro aus. So werden der Forschungsstandort
Österreich und sein Ruf demontiert.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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