• 11.11.2010, 18:53:22
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"Die Presse" Leitartikel: Wer richtet schon gerne die SOS-Pistole gegen sich selbst?, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 12.11.2010

Wien (OTS) - Elmar Oberhauser wird sicher nicht verkommen.
Alexander Wrabetz wahrscheinlich auch nicht. Der Einzige, der sicher
verkommt, ist der ORF.

Elmar Oberhauser hat es überstanden. Der "Bär", wie man ihn nennt,
ist erlegt. Der Stiftungsrat des ORF hat Informationsdirektor
Oberhauser auf Antrag des Alleingeschäftsführers und Generaldirektors
Alexander Wrabetz mit 18 zu elf Stimmen abgewählt. Die Wirkung dieser
Abwahl tritt sofort ein, Oberhauser wird die restlichen
dreizehneinhalb Monate seiner Vertragslaufzeit vom Dienst
freigestellt.

Die große "Abrechnung" des scheidenden Direktors, die für den Fall
des Nichtzustandekommens einer einvernehmlichen Vertragsauflösung
angekündigt worden war, fand dennoch nicht statt. Im Gegenteil: Bis
zuletzt wurden Versuche unternommen, dem streitbaren
Informationsdirektor eine goldene Brücke zurück in die
ORF-Geschäftsführung zu bauen. In der Dynamik des Sitzungsaugenblicks
wurde tatsächlich auch noch an der österreichischsten aller Lösungen
gearbeitet:

Sag' ma, es war nix.

Dass es nicht dazu kam, ist gut für alle Beteiligten. Wäre am Ende
wirklich herausgekommen, dass sich Oberhauser mit der Beteuerung, er
würde und werde es nicht wieder tun, seinen Direktorenposten erhalten
hätte, wären die Persönlichkeitsprofile der beiden Hauptakteure in
aller Öffentlichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellt worden:
Oberhauser stünde dann als Pappmaschee-Grizzly da und Alexander
Wrabetz als Weichei.

Eine entsetzliche Vorstellung, die niemand wollen konnte.

Jetzt geht er also, der Polterer Elmar Oberhauser. Der
Abgangsscheinwerfer beleuchtet die beiden dunklen Seiten des
ORF-Mondes: Macht und Politik. Oberhauser hat im Machtspiel seinen
Gegner Alexander Wrabetz unterschätzt und sich im Politschach gegen
die SPÖ selbst überschätzt. (Und er hat wohl übersehen, dass die ÖVP
nur "Mühle" spielt, kein Schach.) Zudem hatte Oberhauser lange davon
gelebt, dass man in Österreich der Meinung ist, dass die Verhaberung
mit allen auch eine Art der Unabhängigkeit darstellen könnte. Die
jungen Machthaberer der SPÖ sind dafür nicht so ganz zu haben. Ihre
Devise ist schnörkellos: "Ana vo uns oda kana vo uns."

Oberhauser gegen Rudas, das ist ein wenig so, als ob ein Barock-Putto
gegen eine Spittelberg-Glastür flöge. Das geht sich einfach nicht
aus. Da funktioniert Alexander Wrabetz besser. Er hat seinen
Geschäftsführungskollegen auf eine Weise ausrutschen lassen, die
viele überrascht hat, vielleicht auch ihn selbst. Er tat, was man als
Führungsperson gelegentlich machen muss, wenn man vorher alles falsch
gemacht hat: die Notbremse ziehen. Klar, der Alleingeschäftsführer
des ORF kann de jure seinem wichtigsten Mitarbeiter dessen
wichtigsten Mitarbeiter aufzwingen, de facto ist es ein Ausweis
mäßiger Führungsqualität.

sWrabetz' Reaktion auf das berühmt-berüchtigte Oberhauser-Mail ist
nachvollziehbar: Natürlich kann man nicht einfach zusehen, wie man
von einem weisungsgebundenen Mitarbeiter öffentlich als
Erfüllungsgehilfe unternehmensfremder Kräfte bloßgestellt wird. Am
besten unterbindet man das, indem man nicht Erfüllungsgehilfe
unternehmensfremder Kräfte ist. Am zweitbesten, indem man dafür
sorgt, dass niemand weiß, dass man einer ist. Wenn beides nicht
gewährleistet werden kann, erscheint es nicht selten angebracht, den
zu eliminieren, der das Unaussprechliche ausspricht. Wer dadurch,
dass er das Unausweichliche und Notwendige tut, allgemeines Erstaunen
erntet, könnte sich natürlich auch fragen, warum.

Elmar Oberhauser hat es überstanden. Er wurde Opfer seiner selbst,
des politischen Systems, das er lange virtuos beherrscht hat, und
nicht zuletzt ein Opfer des Boulevards. Die schneidigen Kerle in
"Krone", "Österreich" und "Heute" haben sich für die fetten Portionen
an den roten Futtertrögen durch besonders unvorteilhafte Fotos eines
übergewichtigen Zigarrenrauchers revanchiert: Futterneid der
erbärmlichsten Sorte.

Elmar Oberhauser wird nicht verkommen. Alexander Wrabetz auch nicht,
nicht einmal dann, wenn ihn die SPÖ-Medienpolitiker nach Gebrauch
entsorgen. Verkommen wird der ORF. Weit und breit kein SOS-Signal:
Wer richtet schon gern die Signalpistole gegen sich selbst?

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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