• 04.11.2010, 08:34:02
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"Praxisausbildung in der Medizin - quo vadis?

Wien (OTS) - Hochkarätig besetzte Diskussionsrunde bei
Veranstaltung des Alumni Clubs der MedUni Wien:

Auf Einladung von Vizerektorin und Alumni Club-Präsidentin Karin
Gutiérrez-Lobos diskutierten am 3. November Bundesministerin Karl,
VertreterInnen der MedUni Wien, des Gesundheitsministeriums, der
Ärztekammer und JungmedizinerInnen über neue Wege in der
Praxisausbildung von MedizinstudentInnen.

Schlecht bezahlt - überfordert - schlecht ausgebildet

Kritikpunkte an der aktuellen Praxisausbildung gibt es viele:
JungärztInnen verbringen einen Großteil ihrer Ausbildungszeit mit
administrativen Tätigkeiten, arbeiten als schlecht bezahlte
SystemerhalterInnen und fühlen sich in der Folge schlecht
ausgebildet. Lange Ausbildungszeiten, da die Berufszulassung erst
nach absolviertem Turnus und/oder abgeschlossener Facharztausbildung
erfolgen kann. Auch hinsichtlich der Mobilität innerhalb der EU sind
österreichische Medizin-AbsolventInnen benachteiligt: Eine Migration
in andere EU-Staaten ist für sie derzeit meist erst nach dem
Allgemeinturnus oder als Facharzt/-ärztin möglich - also wesentlich
später als in anderen EU-Ländern.

"Eine Neustrukturierung der Praxisausbildung von
Medizinstudentinnen und -studenten wird derzeit intensiv diskutiert.
Doch wie soll sie aussehen? Lehrpraxis statt dreijährigem Turnus?
Turnusintegrierung ins Studium und Abschluss mit Teilapprobation?
Oder soll der Weg zum Facharzt bzw. zur Fachärztin verkürzt und im
Gegenzug ein Facharzt bzw. eine Fachärztin für Allgemeinmedizin
geschaffen und so der Weg zum Allgemeinmediziner bzw. zur
Allgemeinmedizinerin verlängert werden? Welche Form der
Praxisausbildung macht unsere Medizinabsolventinnen und -absolventen
zu wirklich gut ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten?", fragte
Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos am Beginn der Diskussion.

Turnus und Ius practicandi - ein Auslaufmodell?

Für Univ.-Prof. Dr. Rudolf Mallinger, Vizerektor für Studium und
Lehre, ist der gängige Turnus ein Auslaufmodell: "Die
Turnusausbildung für österreichische Mediziner und Medizinerinnen ist
in die Jahre gekommen. Teilweise schlechte Arbeitsbedingungen mit
einem Tätigkeitsprofil, das eher einer Hilfskraft als einem
Akademiker bzw. einer Akademikerin entspricht, kontrastieren immer
mehr mit einer durch die Reform der Medizincurricula an den
österreichischen Medizin Unis neu strukturierten Praxisausbildung
während des Medizinstudiums."

Mallinger ortet auch hinsichtlich der Chancengleichheit von
österreichischen JungmedizinerInnen in der EU Handlungsbedarf:
"Während bei Absolventen und Absolventinnen der Zahnmedizin eine
selbständige Berufsausübung unmittelbar nach dem Studium bereits seit
Einführung des Zahnmedizinstudiums 1998 in Österreich möglich ist,
müssen Humanmediziner und Humanmedizinerinnen zuerst den Turnus
und/oder die Fachausbildung absolvieren. Durch das Verbot einer
selbständigen ärztlicher Tätigkeit von Humanmedizinern und
-medizinerinnen unmittelbar nach dem Studium ist die Mobilität
österreichischer Absolventen und Absolventinnen im europäischen Raum
deutlich eingeschränkt." Und so sei es ist daher höchste Zeit, die
postgraduelle (Allgemein-) MedizinerInnenausbildung einer Reform zu
unterziehen.

Auch der Rektor der MedUni Wien, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz
sieht heimische MedizinabsolventInnen benachteiligt: "Unsere
Absolventen und Absolventinnen sind durch den Turnus 3 Jahre
gegenüber ihren Kollegen und Kolleginnen aus den meisten europäischen
Ländern stark benachteiligt, da sie nicht sofort als Arzt bzw. Ärztin
tätig sein können. Wir planen daher bereits seit einiger Zeit an der
MedUni Wien ein Praxisjahr als Teil des Studiums, um den praktischen
Aspekt der ärztlichen Ausbildung noch stärker zu betonen. Damit sind
bereits die AbsolventInnen approbationsfähig." Damit begrüßt er den
Vorstoß von Wissenschaftsministerin Karl, die den Turnus ins Studium
integrieren möchte. Schütz weiter: "Mit der Initiative von Ministerin
Karl steht einer deutlichen Kürzung der Ausbildungszeit und damit
einem schnelleren Übergang in die Praxis nichts mehr im Wege. Und
Österreich wird durch die Abschaffung des Turnus für Jungmediziner
und -medizinerinnen als Arbeitsplatz erheblich attraktiver."

Eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit wünscht sich auch die
Jungärztin und stellvertretende Senatsvorsitzende der Kurie der
Studierenden und Doktoratsstudierenden des Senates der MedUni Wien:
"Die österreichische Approbations- und Ausbildungsordnung muss
dringend effizienter gestaltet werden, damit unsere AbsolventInnen
und JungärztInnen international wettbewerbsfähig sein können."

"Die verlängerte Ausbildungszeit und die Verschiebung von
nichtärztlichen Tätigkeiten zu den Turnusärzten und Turnusärztinnen
wird durch den immer noch bestehenden Überschuss an Jungmedizinern
und -medizinerinnen verursacht", erklärt Dr. Martin Andreas, Referent
für Jungmediziner der Ärztekammer für Wien."Eine konsequente
österreichweite Planung der Ausbildung von Beginn des Studiums bis
zum Ende der Fachausbildung ist dringend notwendig."

Dr. Thomas Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für
Wien, sieht die derzeitige Ausbildung ebenfalls als
überarbeitungsbedürftig: "Eine praxisorientierte Ausbildung ist das
Um und Auf in der medizinischen Ausbildung. Durch die zunehmenden
Verwaltung, Bürokratie sowie Personaleinsparungen werden aber
Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung immer mehr zu Systemverwaltern, und
die Praxisnähe der Ausbildung leidet. Hier ist dringend eine
Entlastung der Turnusärzte von Bürokratie und mehr Zeit für die
Fokussierung auf das Wesentliche, nämlich die Patientenbetreuung, zu
fordern."

Ärztekammer fordert Lehrpraxis

Zudem, so Holzgruber weiter, sei es in ganz Europa und auch im
Rest der Welt üblich, dass vom Staat unterstützt, junge
AllgemeinmedizinerInnen ihre Ausbildung auch in Praxen
niedergelassener ÄrztInnen absolvieren können. "In Österreich ist es
seit Jahrzehnten nicht möglich, ein ordentliches und international
herzeigbares System einer Lehrpraxisförderung für die
allgemeinmedizinische Ausbildung zu etablieren. Obwohl alle
Bundesregierungen den Hausarzt bzw. die Hausärztin stärken wollen,
hat bis jetzt keine Bundesregierung auch nur ansatzweise dieses
Problem aufgegriffen. Die Österreichische Ärztekammer wird in dieser
Frage aber nicht locker lassen. Die strukturierte praxisorientierte
Ausbildung der AllgemeinmedizinerInnen in einer Lehrpraxis ist ein
evidentes Qualitätselement in der ambulanten Versorgung. Wenn man
nicht rasch die für die Finanzierung notwendigen ungefähr 11
Millionen Euro vom Bund und den Ländern zur Verfügung stellt, soll es
niemanden mehr wundern, wenn die praxisorientierte postpromotionelle
Ausbildung in Österreich in die Sackgasse gerät und wir auch keine
Hausärzte und Hausärztinnen mehr haben, da es dann für junge
Ärztinnen und Ärzte ökonomisch unmöglich ist, eine derartige
Ausbildung anzustreben".

Hon. Prof. MR Dr. Gerhard Aigner, Sektionschef am
Gesundheitsministerium relativiert und warnt vor Veränderungen: "Die
Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte ist eine zentrale Herausforderung
für die Gesundheitspolitik, zumal durch die Dauer der Ausbildung
Anpassungen und Änderungen kurzfristig nicht möglich sind. Quantität
und Qualität sind dabei in gleichen Maßen zu wahren. Die Ausbildung
muss Garantie dafür sein, dass die künftig zur Versorgung benötigten
Ärztinnen und Ärzte nicht nur in ausreichender Zahl, sondern auch mit
den entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen. Dies ist mit
der bisherigen Teilung in Studium und postpromotioneller
Turnusausbildung gelungen. Veränderungen seien reiflich überlegt,
kurzfristige Änderungen könnten auch zu unerwünschten Nebenwirkungen
und Langzeitfolgen führen."

Bundesministerin Dr.in Beatrix Karl fasste abschließend zusammen:
"Es ist mir ein besonderes Anliegen, die Situation von Jungärzten und
-ärztinnen, soweit das in meinen Zuständigkeitsbereich fällt, zu
verbessern. Wichtig ist mir, dass wir genügend Studienabsolventen und
-absolventinnen in Österreich haben, die auch hier bleiben. Ziel soll
es sein, die durchschnittliche Ausbildungsdauer für Ärzte und
Ärztinnen in Österreich unter Beibehaltung der guten Qualität zu
reduzieren und damit die Attraktivität des Ärzteberufes, insbesondere
im Bereich Allgemeinmedizin, zu steigern."

Der Alumni Club der MedUni Wien

Universitas - Scientia - Humanitas: Der 2008 gegründete Verein ist
die postgraduale Wissens-, Dialog- und Karriereplattform für
AbsolventInnen der MedUni Wien. Das zentrale Anliegen des Clubs ist
die Verknüpfung von beruflicher Praxis und universitärem Dialog. Das
Generationen-übergreifende Netzwerk der MedUni Wien bietet
vielfältige Gelegenheit zu fachlichem und persönlichem Austausch.
PartnerInnen und UnterstützerInnen des Alumni Clubs sind: Medical
University of Vienna International, Die Erste Bank, Die Presse,
ASCINA - Österreichisches Forschungsnetzwerk in Nordamerika, KHM und
Ärzte ohne Grenzen.

Infos: www.alumni-meduniwien.at

Rückfragehinweis:
Mag.a Michaela Zykan
Alumni Club MedUni Wien
Mobil: 0664/800 163 6581
[email protected]
www.alumni-meduniwien.at

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