• 27.09.2010, 10:00:10
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Der Kampf ums Gewicht: Risikofaktor Schlankheitswahn zwischen Profitinteressen und Gesundheitsgefährdung

Wien (OTS) - Internationaler Kongress über Gewicht und
Körperbilder zwischen Gesundheit, Gesellschaftspolitik und
Wirtschaftsinteressen - Gesundheitsstadträtin Wehsely: Gewicht ist
kein individuelles, sondern gesellschaftliches Problem, Stadt Wien
setzt Initiativen für ein gesundes Gewichtsverständnis -
Frauengesundheitsbeauftragte Wimmer-Puchinger gegen Medikalisierung
des Problems Übergewicht

Wien, am 27. September 2010 - Immer mehr Menschen leiden an als
ungesund bewertetem Übergewicht: Nur knapp 40 Prozent der Männer und
42 Prozent der Frauen gelten hierzulande laut Adipositasbericht als
"normalgewichtig". Und erst kürzlich schlugen Wiener ForscherInnen
Alarm: In den vergangenen vier Jahren sei die Anzahl der
übergewichtigen Zehn- bis Zwölfjährigen um 20 Prozent gestiegen.

Der häufig konstatierten "Adipositas-Epidemie" steht eine große
Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen gegenüber: Fast 90 Prozent
der Frauen und Mädchen sind aktuellen Untersuchungen zufolge mit
ihrem Körper unglücklich, bei 60 Prozent von ihnen geht es dabei um
Frustration mit dem eigenen Gewicht. Warum der Kampf um den gesunden
und schönen Körper immer mehr zum gesellschaftlichen und
gesundheitspolitischen Problem wird und wie PolitikerInnen und
Gesundheits-ExpertInnen dem entgegentreten können, diskutieren
ExpertInnen auf einer internationalen Fachtagung in Wien.

Wehsely: Gewicht ist kein individuelles, sondern gesellschaftliches
Thema - Gesundes Gewichtsverständnis gefragt - Keine Stigmatisierung
übergewichtiger Menschen

Die Wiener Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely
macht auch den schmalen Grat deutlich, auf dem sich das
Gesundheitssystem bewegt: "Einerseits ist unbestritten, dass
massives Übergewicht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen erhöht
und damit auch eine gesundheitsökonomische Belastung darstellt. Doch
andererseits können Ernährungs- und Gewichtsempfehlungen zu einer
übermäßigen Beschäftigung mit dem Gewicht und zu einem verkrampften
und gesundheitsschädigenden Verhältnis zum eigenen Körper führen."
Somit steige auch die Zahl derer, die sich für ein vermeintlich
gesundes Gewicht krank und mager hungern, so Stadträtin Wehsely bei
der einer Vorab-Pressekonferenz zur Tagung "Der Kampf ums Gewicht",
die am 28. September im Wiener Rathaus stattfindet. Geschätzte
200.000 Mädchen und Frauen leiden in Österreich bereits an
Essstörungen, auch bei Männern ist das Phänomen zunehmend zu
beobachten. "Deshalb setzt die Stadt Wien auf Aufklärung im Zuge
einer Vortragsreihe für alle WienerInnen. Gleichzeitig bündeln
ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen ihr Wissen, um neue Konzepte
auf dem Weg zu einem neuen Gewichtsverständnis", kündigt Wehsely neue
Maßnahmen an.

"Gewicht ist ein individuelles und ein gesellschaftliches Thema, das
immer mehr zum Mittelpunkt von Geschäftsinteressen wird. Hier gilt es
auch, der Verunsicherung vor allem von Frauen und Mädchen entgegen zu
wirken und ihr Selbstbewusstsein zu stärken", betont Wehsely. "Wir
brauchen nicht sosehr ein vermeintlich gesundes Gewicht, sondern vor
allem ein gesundes Gewichtsverständnis. Ganz klar abzulehnen ist der
zunehmende Trend zur Diskriminierung und Stigmatisierung von
Menschen, deren Körperformen nicht dem herkömmlichen
Schlankheitsideal entsprechen."

Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Wimmer-Puchinger: Empfohlene
Richtwerte kritisch hinterfragen

"Die inzwischen immer mehr alarmistisch geführte Debatte um eine
Übergewichts-Pandemie in der westlichen Welt und die starke
Medikalisierung des Themas Ernährung und Gewicht greifen zu kurz. Bei
allen gesundheitlichen Problemen, die Übergewicht unbestritten mit
sich bringt, müssen wir auch sehr kritisch analysieren, wer ein
wirtschaftliches Interesse daran hat, dass wir uns in ständig mit
unserer Körperform beschäftigen, bis hin zu krankhaften und höchst
gesundheitsgefährdenden Körperbildstörungen," betont die Wiener
Frauengesundheitsbeauftragte a.o. Univ.-Prof.in Dr.in Beate
Wimmer-Puchinger. Auffällig sei etwa, dass die Empfehlungen zum
Body-Mass-Index als Maß für gesundes Idealgewicht (18,5 bis 25) bzw.
ungesundes Übergewicht (über 25) in den vergangenen Jahrzehnten nach
unten korrigiert worden seien. "Ganz abgesehen davon ist der BMI in
der Fachwelt als geeignetes Messinstrument insgesamt sehr
umstritten", so Wimmer-Puchinger.

Es müsse kritisch durchleuchtet werden, dass eine ganze Reihe von
Industriezweigen massives Interesse an weit verbreiteten
Gewichtssorgen hätten, um für ihre ständig neuen Angebote zur
Gewichtsreduktion und Körperveränderung auch Bedarf zu kreieren, so
Prof.in Wimmer-Puchinger. Nicht zuletzt profitieren auch einige
Segmente des Medizinsystems: Fast 50.000 Frauen legen sich
mittlerweile in Österreich jährlich unter das schönheitschirurgische
Messer, unter den invasiven Eingriffen dieser Art steht die
Fettabsaugung statistisch an der Spitze. Erstaunliches Detail am
Rande: Die Modeindustrie halte nach wie vor die Idealmaße 90-60-90
hoch, und dies, obwohl nur 6 von 10.000 Frauen (!) diese Körperform
haben.

Wichtig sei, nicht Druck auf Betroffene bezüglich ihres
Gewichtsmanagements auszuüben, sondern die wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Zusammenhänge aufzuzeigen, so Wimmer-Puchinger:
"Der und die Einzelne trägt Verantwortung für die eigene Gesundheit,
also auch das Gewicht, aber diese Verantwortung wird durch soziale,
finanzielle und biologisch Faktoren eingeschränkt. Die bewegungsarme
Überflussgesellschaft, in der oft wenig gesunde Lebensmittel ständig
verfügbar sind und beworben werden, fördert Übergewicht."

Stadt Wien: Aktiv in Sachen gesundes Gewichtsverständnis

Ein Problemkomplex, um den sich die Wiener Gesundheitspolitik
engagiert kümmert. "Wir werden ab Jänner 2011 eine neue Vortragsreihe
zu den vielfältigen Facetten rund um das Thema Gewicht und Ernährung
anbieten, die allen Interessierten bei freiem Eintritt offensteht",
kündigte Stadträtin Sonja Wehsely neue Initiativen an. Programm und
Details unter www.frauengesundheit-wien.at. "Außerdem nimmt gerade
eine neue Task-Force ihre Arbeit auf, in der ExpertInnen
unterschiedlicher Fachrichtungen, von Adipositas- bis
EssstörungsspezialistInnen, neue Konzepte entwickeln."

Solche Maßnahmen haben in Wien schon Tradition: Als Vorreiterin in
Europa hat die Stadt Wien die Initiative S-O-Ess ins Leben gerufen.
Unter dem Motto "No BODY is perfect" setzen sich
EntscheidungsträgerInnen aus Politik, Gesundheit, Mode, Werbung,
Medien und Entertainment gegen unerreichbare Schlankheitsideale und
bedenkliche Vorbilder ein. Die kostenlose Essstörungshotline 0800 20
11 20 kann bereits auf mehr als 23.000 Beratungsgespräche verweisen.
In Schulen wurde gemeinsam mit dem Wiener Stadtschulrat ein
umfassendes Netzwerk aufgebaut, das bereits mehr als 20.000
SchülerInnen zu Themen wie Bulimie und Anorexie informieren konnte.

Fachkonferenz: Der Kampf ums Gewicht

Auch die aktuelle Fachkonferenz zum Thema Gewicht ist nicht die erste
dieser Art, das Wiener Programm für Frauengesundheit hat in den
vergangenen elf Jahren bereits eine Reihe ähnlicher internationaler
Kongresse erfolgreich ausgerichtet. Bei der internationalen Tagung
"Der Kampf ums Gewicht", für die mehr als 550 TeilnehmerInnen
angemeldet sind, analysieren ExpertInnen die gesellschaftlichen und
ökonomischen Einflussfaktoren auf die Bewertung von Gewicht zu
benennen die dahinterstehenden Interessen. "Unsere Wahrnehmung, was
ein gesunder und schöner Körper ist, hat sich durch einseitige
künstliche Bilderwelten von normierten Körpern sehr verzerrt. Wir
müssen wieder lernen, die Vielfalt von Körperformen wertzuschätzen",
fasst Frauengesundheitsbeauftragte Wimmer-Puchinger die Ziele der
Tagung zusammen.

Entsprechend facettenreich ist das wissenschaftliche Programm: Die
Vorträge reichen von Debatten über dickmachende Faktoren moderner
Gesellschaften oder dem Wandel des Essverhaltens über
wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Übergewicht in bestimmten
Konstellationen gesundheitsförderlich sein kann, bis hin zu
kritischen Diskussionen über das Phänomen Körperunzufriedenheit oder
die moderne Lebensmittelvermarktung.

Im Anschluss an die Fachtagung findet um 17:30 eine für alle
Interessierten bei freiem Eintritt zugängliche Lesung des
Schauspielers Rainer Hunold -- unter anderem bekannt aus der Serie
"Ein Fall für Zwei" - aus seinem Buch "Ich bin nun mal dick. Ein
Wohlfühlbuch" statt.

Kongress: "Der Kampf ums Gewicht" 

 "Der Kampf ums Gewicht" - Körper und Gewicht im Spannungsfeld von
 Wirtschaftsinteressen, Gesellschaftsnormen, Public Health und
 Lebensstil"

 Datum:   28.9.2010, 09:00 - 19:00 Uhr
 Ort:     Wiener Rathaus
          1010  Wien

Rückfragehinweis:
B&K-Bettschart&Kofler Medien- und Kommunikationsberatung
Dr.in Birgit Kofler, Mag.a Daniela Pedross
Telefon: 01 3194378-11
Mobil: 0676-6368930
E-Mail: [email protected]

Johann Baumgartner
Mediensprecher StRin Maga Sonja Wehsely
Telefon: 01 4000-81238
Mobil: 0676 8118 69549
E-Mail: [email protected]

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