• 18.09.2010, 19:02:52
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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Ein Torso als Tabu" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe 19.09.2010

Graz (OTS) - Warum auch in Österreich die Wehrpflicht durch ein
Berufsheer ersetzt werden sollte.

Warum tut sich dieses Land so schwer, Überkommenes infrage zu stellen
und sich zu erneuern, während anderswo, siehe Deutschland oder
England, Reformen mutig ins Werk gesetzt werden? Warum ist dort
Aufbruch spürbar und hier dauerhafte Selbstmusealisierung? Neben der
Selbstlähmung durch die Frontstellung zwischen Bund und Ländern und
der Trägheit großer Koalitionen ist der Stillstand auf eine mentale
Grunddisposition zurückzuführen: Österreich ist ein Land der
Veränderungsangst und des Denkverbots.

Man ist unwillens, geänderte Wirklichkeiten zur Kenntnis zu nehmen,
und lässt sich stattdessen von alten Ideologien leiten und blenden.
Die sind an der Wirklichkeit längst zerschellt, aber am Trugbild wird
mit nostalgischem Trotz festgehalten.

Das gilt für die Chimäre des freien Hochschulzugangs ebenso wie für
die Wehrpflicht. Auch sie wird zum Tabu erklärt, von jenen
Gralshütern, die den Grundwehrdienst ausgehöhlt und zu einem
halbjährigen Torso entwertet haben. Sechs Monate, mitunter zugebracht
in Schreibstuben, Offizierskasinos oder auf pannonischen Wanderwegen,
befähigen zu nichts. Diese Wehrpflicht ist sinnentleert, weil die
dürre Grundausbildung keine Vertiefung mehr erfährt durch die Praxis
turnusmäßiger Übungen. Das Milizsystem wurde de facto abgeschafft,
die Kader üben mit sich selbst.

Das stört niemanden, weil ein parasitäres Neutralitätsverständnis
keine Ansprüche an sich selbst stellt - wohl aber an jene, die einen
umgeben und deren Schutzbereitschaft man voraussetzt, während man
sich vom militärischen Bündnis, dem die Nachbarn angehören, aus
ethischen Gründen eitel distanziert: Opportunismus mit moralischem
Antlitz. Über die alte Landesverteidigung sind die Kettenfahrzeuge
der Geschichte gerollt. Österreich ist Teil der europäischen
Sicherheitsarchitektur und muss sich aus Selbstachtung auch so
begreifen lernen. Die Manöver in Allentsteig heißen "European
Advance", die Abfangjäger Eurofighter. Die Sprache weist den Weg. Für
die neue Rolle braucht es gut ausgebildete Soldaten, nicht um Krieg
zu führen, sondern um den Frieden sichern zu helfen. Diese Pflicht
zur Professionalisierung ist auch für die internen Aufgaben, den
Katastrophen- und Objektschutz, unabdingbar geworden.

Daher wäre der Umstieg auf ein attraktives Berufsheer ein Gebot der
Vernunft und keine Vorbereitung auf eine Militärdiktatur. An die
Stelle der Wehrpflicht könnte ein Sozialdienst rücken. Er würde junge
Bürger eher an das Gemeinwesen binden als ein Wehrdienst, der die
Sinnfrage nicht mehr schlüssig beantworten kann. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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