• 05.09.2010, 18:06:42
  • /
  • OTS0064 OTW0064

DER STANDARD - Kommentar "Der innere Schulkummer" von Lisa Nimmervoll

Über das Leid der "schlechten Schüler" und das Glück eines einzigen guten Lehrers - Ausgabe vom 6.9.2010

Wien (OTS) - Schulbeginn - die Zeit, in der allerorts strahlende
Kinder mit bunten Schultüten präsentiert werden. Nicht ins Blickfeld
aber kommen die, die verdruckst und mutlos in die Schule
zurückkehren, die am liebsten unsichtbar wären, um ihr zu entkommen.
Die Kinder, für die die Schule eine Qual ist, die sie zu Versagern
macht - die "Schulversager".
"Keine Zukunft. Kinder, aus denen nichts werden wird. Kinder, an
denen man verzweifelt. Ich war immer, von der ersten bis zur letzten
Klasse, felsenfest von einem solchen Leben ohne Zukunft überzeugt. Es
ist überhaupt die erste Überzeugung, zu der ein schlechter Schüler
gelangt." - Das schreibt der französische Schriftsteller Daniel
Pennac in seinem Buch Schulkummer. Er, selbst ein
Parade-Schulversager, wurde später leidenschaftlich-beseelter Lehrer
und vergaß doch den "Schmerz, nichts zu begreifen und seine
Kollateralschäden" nie.
Der Schulbeginn ist ein guter Zeitpunkt, um über diesen Schmerz zu
reden. Denn sie kommen in der Schuldebatte nicht vor, die "schlechten
Schüler", die "Problemschüler", die "Lernschwachen". Ihr einziger
Schutz vor der totalen, öffentlichen Demütigung (neben der
erdrückenden inneren) ist das Durchschnittskollektiv in den
Statistiken. Es heißt dann, Österreich war bei der Pisa-Studie
"mittelmäßig". Die, die sich besser wähnen, schreien laut auf, die,
die sich für die Dummen halten, schweigen und bleiben mit ihrer Scham
allein.
"Es ging darum, den Menschenfresser Schule zu besänftigen. Alles tun,
damit er mich nicht verschlingt", beschreibt es der
Schulkummer-Kenner.
Im "Schulversager" bündelt sich eine tiefe gesellschaftliche Angst:
Die Angst, dass ein Kind - meines! - nichts wird. Sie ist das
Unterfutter der hysterischen Gesamtschuldebatte, die ihre ganze
Verachtung für die vermeintlichen "Minderleister" in einer
gemeinsamen Schule, die das Versprechen auf eine große Zukunft durch
ihre bloße Anwesenheit beschädigen könnten, auskotzt. Es ist die
Angst vor dem sozialen Statusverlust, die die Schulpolitik
paralysiert. Denn es geht nicht mehr primär darum, dass aus dem
eigenen Kind einmal mehr wird als aus den Eltern. Es darf auf keinen
Fall weniger werden. Der Preis dieser Zukunftsbesessenheit, die den
Wert der Gegenwart zu vergessen scheint, ist hoch: Der Kindheit wird
das Kind ausgetrieben. Alles, was das Kind in der Schule tut, tut es
für später. Entscheidend ist, was es einmal wird. Wer jetzt ein
"Versager" ist, wird immer einer sein. Aber wer mit diesem Selbstbild
groß wird, wird immer kleiner bleiben, als er oder sie sein könnte.
Wer kann/soll da helfen? "Ein einziger Lehrer genügt - ein einziger
-, um uns vor uns selber zu erretten und uns alle anderen vergessen
zu machen."
Wer das Glück hatte, so einen Lehrer zu haben, der - ansprechbar,
nahbar - ein Gefährte ins Leben war, kann die Bedeutung der
Lehrer/innen für die Zukunft erahnen. Oder wie Pennac sagt: "Ich
glaube, dass man den Lehrerberuf nicht anders auffassen darf: All das
Schlechte, das über die Schule gesagt wird, verstellt uns den Blick
darauf, wie viele Kinder sie vor dem Fatalismus der Familien bewahrt
hat, vor Macken, Vorurteilen, einem Ende im Leichenschauhaus, vor
Unwissenheit, Dummheit, Gier, Unbeweglichkeit."
Wenn diese Dimension von Schule und jenen, die dort arbeiten -
Schüler und Lehrer -, ins Blickfeld gerät, ist die Schuldebatte dort,
wo Schule wirklich stattfindet und was sie unendlich Großes für die
Gesellschaft leisten kann.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel