- 04.09.2010, 19:07:35
- /
- OTS0081 OTW0081
"Kleine Zeitung"-Kommentar "Trügerische Aufklärer" (Von Thomas Götz)
Ausgabe 5.9.2010
Graz (OTS) - Warum Thilo Sarrazin die Debatte verhindert, die
er eigentlich anstoßen wollte.
Es gibt sie in allen Lebensbereichen, die trügerischen Aufklärer. Sie
erzählen dir, warum die Schulmedizin mörderisch ist oder die EU
überflüssig, warum Israel an allem schuld trägt oder die USA, warum
Muslime das Ende Europas bedeuten oder zumindest Deutschlands. Sie
kommen daher mit dem Gestus des Verfolgten und behaupten, die
Ablehnung ihrer Thesen rühre nur daher, dass sie ein Tabu brechen.
Das gibt ihnen den Nimbus des Heldenhaften und macht ihre Argumente
unangreifbar.
Thilo Sarrazin ist ein Paradebeispiel für diese Art von
Intellektuellen und ihre Methode, Debatten in einem Stil
einzufordern, der das verlangte Gespräch erst unmöglich macht.
Der Mechanismus funktioniert in einem Dreischritt. Eine krass
überspitzte These zu einem brisanten Thema löst heftige Abwehr aus.
Die Abwehr lässt sich sogleich als untrügliches Anzeichen für ein
ungesundes Tabu deuten, dessen Bruch sich der Autor als Verdienst
anrechnen kann. Verliert er, wie im Fall Sarrazin, darüber auch noch
seine politische Heimat und den Posten, ist das Bild der verfolgten
Unschuld fertig.
Immer behauptet der falsche Aufklärer, eine Diskussion in Gang zu
bringen, die vermeintlich nicht geführt werden darf und die ohne ihn
nie in Gang gekommen wäre. Thilo Sarrazin, dessen Buch "Deutschland
schafft sich ab" ihn bald um die SPD-Mitgliedschaft und um sein Amt
als Vorstand der Deutschen Bundesbank bringen wird, hat wichtige,
brisante Themen aufgegriffen. Er ist aber weder der Erste, noch der
eloquenteste Autor, der über die Gründe für die schlechte Integration
von Muslimen in Deutschland nachdenkt. Er ist auch beileibe nicht der
Erste, der den Sozialstaat in seiner heutigen Form infrage stellt.
Warum Sarrazin wie auch andere verwandte Fundamentalkritiker ihr Ziel
verfehlen, ist leicht zu erklären. Ihre Polarisierungstechnik führt
dazu, dass nur noch Bekenntnisse möglich scheinen: Sind wir für oder
gegen den Propheten? Damit ist die Debatte beendet, ehe sie noch
begonnen hat. Die Angegriffenen, in diesem Fall Politiker jeder
Richtung, können mit der Überspitzung auch alle berechtigten Einreden
gegen ihr Verhalten von sich weisen. Der angegriffene Autor wiederum
kann jede Kritik an seinen Thesen als Symptom für das von ihm
behauptete Tabu deuten.
Es ist äußerst schwierig, auf so eine Attacke souverän zu reagieren.
Souverän wäre es, dem Autor nicht in die Falle zu gehen. Das hieße,
seine Provokation verpuffen zu lassen, aber das Thema ernst zu
nehmen, das er aufwirft. Alles andere führt direkt zum nächsten Fall
Sarrazin. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ






