• 03.09.2010, 17:00:09
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"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Alles unter Kontrolle" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 03.09.2010

Wien (OTS) - Eine Verkehrsampel an jeder Straßenkreuzung; in jedem
Dorf ein Kreisverkehr; staatlich verordnete Warnhinweise vor
missbräuchlicher Verwendung auf jeder Zigarettenschachtel und jedem
Kinderspielzeug. Dazu selbstverständlich eine Arbeitsplatz-Garantie
der Regierung und später eine ordentliche Staatspension, möglichst
unabhängig von Antrittsalter und Lebenserwartung.

Wir bewegen uns in Richtung totaler Staatsgläubigkeit - und damit
auch in Richtung totaler Abhängigkeit. Das Resultat ist bestürzend:
Die totale Sicherheits-Illusion hemmt eigenständiges Denken und
eigenverantwortliches Handeln.

Autofahrer drehen technikgläubig mitten im Tunnel um, weil das Navi
ihnen das empfiehlt. Fußgänger glauben, dass tatsächlich kein Auto
kommt, wenn sie gerade "grün" haben. Kindern wird weisgemacht, dass
der Staat und nicht sie selber oder ihre Eltern für Ausbildung,
Benehmen und Sicherheit verantwortlich sind.

Es wird Zeit, dass wir uns Holland zum Vorbild nehmen. Dort wurde in
den neunziger Jahren das Konzept des "shared space" erfunden.
Fußgänger, Radler und Autofahrer teilen sich gleichberechtigt den
Verkehrsraum. Es gibt keine Gehsteige, keine Verkehrszeichen und
keine Zebrastreifen, sondern nur den Rechts-Vorrang. Jeder ist für
sich selbst und für die Mitbenützer verantwortlich, und siehe da: Die
Zahl der Unfälle ist nicht etwa gestiegen, sondern deutlich gesunken.
Das entspricht der österreichischen Erfahrung, dass Zebrastreifen
keineswegs besonders sicher sind, sondern dass sich dort ganz im
Gegenteil Unfälle häufen.

Funktionieren kann das System allerdings nur, wenn die Politiker
darauf verzichten, sich jede Verkehrsampel, jeden Arbeitsplatz und
jede staatliche Förderung als persönlichen Erfolg auf die Fahnen zu
schreiben. Damit wären sie ohnehin gut beraten: Im Gegenzug werden
ihnen auch Arbeitslosigkeit, Geldentwertung und selbst die
Preisgestaltung von Mineralölkonzernen angekreidet.

Wer sich wundert, dass in den USA trotz enormer
Jugendarbeitslosigkeit kaum Proteste laut werden, wogegen in weit
besser gestellten Ländern die Menschen gegen die Regierung auf die
Straße gehen, findet in der unterschiedlichen Mentalität eine
plausible Erklärung: In den USA verlässt sich kein Mensch auf den
Staat, in Europa fast jeder.

Der Staat hat aber auch in Österreich nicht die Aufgabe, uns das
Denken, die Achtsamkeit auf der Straße, die gegenseitige
Rücksichtnahme und generell die Verantwortung für alle Aktivitäten
von der Arbeitsplatzsuche bis zur Pensionsvorsorge abzunehmen. Je
eher das Politiker und Bürger gleichermaßen akzeptieren, desto besser
wird der gemeinsame Umgang mit knappen Ressourcen gelingen.

Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten, Chefredaktion, Tel.: 0664/80588382

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